Kultur : Putzfest

Die „Hermannsschlacht“ imDeutschenTheater

Peter Laudenbach

Die Servicekraft im grünen Uniform-Kittel hängt missmutig am Tresen in der Empfangshalle eines Zwei-Sterne-Hotels. „Es ist umsonst, wir sind verloren“, seufzt der Mann. „Rom, dieser Riese, er wirft auch jetzt uns Deutsche in den Staub.“ Droht dem Hotel eine feindliche Übernahme? Hat der Mann etwas dagegen, italienische Touristen zu bedienen? Oder ist es ein schrulliger Geisteswissenschaftler, der sich sein Arbeitslosengeld mit einem Ein-Euro-Job in der Gastronomie aufbessert und trotzig in Versen spricht? Auch die Putzfrau macht sich Sorgen um die Heimat. „Oh, Deutschland, Vaterland, wer rettet dich“, fragt sie, während sie sich grüne Gummihandschuhe anzieht.

Die gute Nachricht in den Kammerspielen des Deutschen Theaters ist: Deutschland bleibt bei allen Konjunkturkrisen ein gebildetes Land, in dem selbst Putzfrauen einwandfrei Kleist-Verse zu deklamieren verstehen. Insofern haben wir es in der DT-Putzkammer mit einer optimistischen Inszenierung zu tun. Die schlechte Nachricht ist: Das geht den ganzen Abend so weiter.

Tom Kühnel, immer ein für ironische, pathos-zersetzende Inszenierungen guter Regisseur, hat Heinrich von Kleists urdeutsche „Hermannsschlacht“ in die Niederungen des Service-Proletariats versetzt (Hotel-Bühne: Katrin Hoffmann). Die Germanen, die sich in Kleists bluttriefendem Agit-Prop-Stück gegen die Römer erheben und im Volkskrieg zur nationalen Einheit finden, hier sind sie zu Aushilfskellnern und gedemütigten McJobbern geworden. Die Römer, für den rasenden Nationalisten Kleist Stellvertreter Napoleons und eines dekadent-zivilisierten Westens, sind zu Touristen mutiert, die in ihren weißen Bademänteln lässig durch das Hotelfoyer schlurfen.

Am Anfang ist das Auseinanderklaffen zwischen Bild und Ton lustig, zwischen dem banal tristen Hotelfoyer und Kleists Pathosformeln, seiner extrem verdichteten Sprache, die plötzlich aus denkbar geheimnislosen Zeitgenossen herausbricht. Leider bleibt es bei der cleveren Konzept-Behauptung. Nichts entfaltet sich, weder die Komik der Hermann-Thuschen-Beziehung noch der Hass auf die Römer, die Touristen oder den Weltmarkt. Alles pure These. Die Schauspieler, Jörg Gudzuhn als Hermann, Katharina Linder als seine Gattin Thusnelda, Frank Seppeler als Römer Varus, bleiben blass und langweilig, ohne Ausstrahlung und Spielintelligenz: Wotans Wichte.

Wieder am 4. und 8. Oktober.

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