Kultur : Puzzlespiele

Dieter Roths „Piccadillies“ bei Barbara Wien

Ulrich Clewing

Als Künstler war Dieter Roth ein respektloser Allesverwerter. Unter seiner Hand wurden Materialien jedweder Art und Konsistenz zu Kunstwerken, die an der antibürgerlichen Gesinnung ihres Urhebers keinen Zweifel aufkommen ließen. Als Freiberufler, der er natürlich auch war, verfügte Roth dagegen über ein ausgeprägtes Kostenbewusstsein. Auf Halde zu produzieren war nicht seine Stärke. Anfang der 70er-Jahre erfand Roth daher eine neue Form von „print on demand“-Verfahren. Das Problem: In Ermangelung der technischen Voraussetzungen blieben die Möglichkeiten der Ressourcen sparenden Vervielfältigung bis zu seinem Tod 1998 mangelhaft – ein Umstand, der sich erst mit dem Ink-Jet-Druck geändert hat.

In der Galerie Barbara Wien ist gegenwärtig jene Werkreihe zu sehen, die Dieter Roth seinerzeit auf die Idee brachte, die Bilder nur auf Nachfrage zu duplizieren. Ausgangspunkt der 1969 / 70 entstandenen Serie „The Piccadillies“ war eine Farbpostkarte des Londoner Piccadilly Circus. Daraus schuf Roth zunächst sechs unterschiedlich verfremdete Motive, die er anschließend in immer mehr Variationen weiter veränderte, bis von dem ursprünglichen Bild kaum noch etwas zu erkennen war. Dabei ging der Fluxus-Künstler nicht gerade zimperlich vor: Er übermalte das Postkartenfoto nicht nur, sondern schüttete alle erdenklichen dünn- und dickflüssigen Substanzen darüber.

Die Resultate dieser Bearbeitungen sehen nicht immer appetitlich aus, und auch die handschriftlichen Randnotizen vermögen die zwiespältigen Empfindungen beim Betrachten nur unwesentlich zu entschärfen: „Bleicher Mann in teuflischer Falle“ steht dort, oder „Abgeschmierter Riesenpopel in Begleitung eines anderen abgeschmierten Riesenpopel“. Das klingt nicht, als sei hier jemand auf der Suche nach Erhabenheit gewesen. Doch Dieter Roth konnte auch anders. So wie er bei der Drucktechnik den Entwicklungen seiner Zeit weit voraus war, so wirken auch manche der „Piccadillies“ wie Computeranimationen des 21. Jahrhunderts. Doppel- und Dreifachkonturen, Farbinversionen, schematisierte Icons – das ist eine Ästhetik, die eigentlich erst lange nach diesen Bildern aufgetaucht ist.

Dazu passt, dass Roth die „Piccadillies“ in den zwei größeren Versionen wie bei einem Puzzle in jeweils sechzehn Bausteine aufgeteilt hat. Damit sollten die Besitzer in die Lage versetzt werden, die Bilder selbst neu zu ordnen. Wer mehrere davon besaß, konnte gern auch Teile der Bilder untereinander vertauschen. Bei Barbara Wien sind derzeit alle Varianten zu haben, vom unlimitierten Postkarten-Set für 29 Euro über Einzelbilder (450 / 2200 Euro, Aufl. 6) bis zu den 2 mal 2,70 Meter großen „Giant Piccadilly Puzzles“ für 22 000 Euro bis 130 000 Euro (Aufl. 3). Schon erstaunlich, wozu Kostenbewusstsein auf Dauer so alles führen kann.

Galerie Barbara Wien, Linienstraße 158, bis 15. Februar; Dienstag bis Freitag 14 – 19 Uhr, Sonnabend 12 – 18 Uhr.

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