Kultur : Pyramiden der Moderne

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Kevin Roche, der heute vor 80 Jahren in Dublin geboren wurde, gilt als Meister der großen Form. Selbst vor dem Vorbild der Pyramiden ist er nicht zurückgeschreckt. So entwarf der Architekt zusammen mit seinem langjährigen Partner John Dinkeloo die Hauptverwaltung einer Versicherung in Indianapolis 1967/71: Auf einem trapezförmigen Grundstück reihen sich drei Pyramidenstümpfe aneinander, eine souveräne Übersetzung des klassischen Motivs aus dem alten Ägypten in die Architektursprache der Moderne. Der neuen Funktion des alten Vorbilds entspricht auch die Materialverwendung bei Roche. Jeweils zwei Gebäudeseiten sind aus Beton ausgeführt, die anderen besitzen eine Glasfront. In ihrer monumentalen Wirkung fügen sich die Pyramiden zu einer beeindruckenden Kulisse, der es keinen Abbruch tat, dass von neun geplanten Baukörpern lediglich drei verwirklicht wurden.

Roche wanderte 1948 nach seinem Architekturstudium in die USA ein. Dort wurde er neben Ludwig Mies van der Rohe vor allem durch Eero Saarinen geprägt, dessen Partner er seit 1950 war. Nach Saarinens Tod 1961 stellte Roche dessen dynamisch geschwungenes TWA-Terminal am John-F.-Kennedy Airport in New York fertig. Zu den eigenen Hauptwerken zählt das Hauptquartier der Ford Foundation (1964/68), ebenfalls in New York. Es gilt als eines der innovativsten Bürogebäude seiner Epoche in den USA. An die Stelle eintöniger Standardbüros, die von einem zentralen Gang abzweigen, oder der Großraumbüros mit ihren Trennwänden setzen Roche und Dinkeloo einen riesigen Wintergarten, der sich über 12 Etagen erstreckt. Zu ihm hin öffnen sich die gläsernen Fronten der Büros. So bietet sich jedem Mitarbeiter die Möglichkeit, in einem Hochhaus und doch gleichsam wie im Grünen zu arbeiten.

Mit ihrer klaren Struktur wurde die Ford Foundation zum Urbild einer endlosen Zahl verwandter Bürobauten mit begrüntem zentralen Lichthof, die jedoch selten Radikalität und Qualität des Vorbildes erreichten. Ein prägnantes Architekturbild lieferten Roche und Dinkeloo auch mit dem 23 Stockwerke hohen Turm des „Knights of Columbus“-Sitzes in New Haven, Conneticut, in dem 700 Angestellte arbeiten. Vier Betonzylinder, mit bronzefarbenen Ziegeln verkleidet, markieren die Ecken des Hochhauses und verleihen ihm seine charakteristische massive Wirkung. Die Kombination von eingängiger Prägnanz und formaler Klarheit in seinen Entwürfen, die meist auf stereometrische Grundformen reduziert sind, machten Roche in den 60er/70er Jahren zu einem der bevorzugten Architekten amerikanischer Unternehmen, für die er rund 50 Großprojekte verwirklichte. Darüber hinaus war der 1982 mit dem Pritzker-Preis (dem Nobelpreis der Architektur) ausgezeichnete Roche seit Ende der 60er Jahre auch mit der Erweiterung des New Yorker Metropolitan Museum of Modern Art befasst.

Jürgen Tietz

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