Kultur : Pyramiden der Ohnmacht

Der Soziologe Richard Sennett liest der flatterhaften Kultur des neuen Kapitalismus die Leviten

Jörg Plath

Nicht nur der einnehmende, sonore Stil, auch der Titel klingt vertraut: Richard Sennetts neues Buch „Die Kultur des neuen Kapitalismus“ trägt den Untertitel seines vorletzten. Untersuchte „Der flexible Mensch“ (The Corrosion of Character) die Zersetzung des menschlichen Charakters durch das hohe Maß geforderter Flexibilität im globalen Kapitalismus, so fragt er nun, wie die Prinzipien der New Economy Verwaltung, Berufsbildung und Politik verändern. Nach den Individuen widmet sich Sennett also den Institutionen.

Amerikas bekanntester Soziologe, inzwischen 62 Jahre alt und Professor an der London School of Economics, schildert die Institutionengeschichte als Versuch, der gefährlichen Instabilität des Kapitalismus im 19. Jahrhundert Herr zu werden. Unternehmen übernahmen damals militärische Organisationsmodelle, um durch ein striktes Regime Risiken zu minimieren und Gewinne zu verstetigen; Staaten, allen voran der deutsche unter Bismarck, entwickelten ein Sozialsystem, um diejenigen zu integrieren, von denen Aufruhr zu befürchten war.

Diese Institutionen der von Sennett „sozialer Kapitalismus“ genannten Wirtschaftsform verteilen Macht und Autorität hierarisch von oben nach unten: sie gleichen einer Pyramide. Max Weber sah in ihnen ein „stahlhartes Gehäuse“, doch Sennett kann ihm überhaupt nicht zustimmen. Er nennt die Sicht des berühmten deutschen Kollegen eine „psychologische“ und lobt stattdessen Stabilität und Festigkeit der Pyramide. Dank ihnen könnten sich Beziehungen zwischen Menschen entwickeln. Sie bräuchten nämlich Zeit zu ihrer Entstehung.

Im „neuen Kapitalismus“ der Gegenwart wird die Pyramide abgetragen, aber die Menschen gewinnen, so Sennett, nicht Freiheit, sie müssen mit Angst und Unsicherheit bezahlen. Unternehmen und Staat verfolgen nun kurzfristige Ziele, sie sind flach organisiert und fordern von ihren Angestellten Flexibilität. Erfahrung, Loyalität, informelles Vertrauen und institutionsspezifisches Wissen gelten wenig – Risikobereitschaft und Kommunikationsfähigkeit in den ständig neu gebildeten, selbstständigen Arbeitsgruppen und den oft wechselnden Anstellungen viel.

An die Stelle der Pyramide tritt, so Sennett in einem gewagten Bild, der MP3-Player: Die Arbeit verläuft nicht mehr hierarchisch. Alles ist gleichermaßen Ausschnitt und Stückwerk. Sennett ist dies ein Gräuel: „Die Kultur des neuen Kapitalismus ist auf einzelne Ereignisse, Transaktionen und Eingriffe ausgerichtet. Progressive Politik ist dagegen auf dauerhafte Beziehungen und akkumulierte Erfahrung angewiesen.“

Die Orientierung auf die Zukunft erkennt Sennett auch in der beruflichen Qualifikation und der Politik. Dem Bürger biete man als passivem Konsumenten ständig neue politische „Produkte“ mit Hilfe der Werbung an, und im Berufsleben werde die handwerkliche Einstellung bekämpft, die eine Sache optimal beherrschen will. Die neue Sozialordnung orientiere sich nicht an den in der Vergangenheit erworbenen Fähigkeiten, sondern an potenziellen. Was ist dagegen zu tun? Sennett empfiehlt etwas ratlos, neue, von den Bürgern initiierte Institutionen, Teilzeitarbeit und ein Grundeinkommen für jedermann. Außerdem solle der Staat verstärkt einstellen.

Die Stärken des Buches liegen im ersten Kapitel, das einen guten, wenn auch nicht originellen Überblick über wichtige Tendenzen des Wirtschaftslebens bietet. Schon hier fällt allerdings ins Auge, dass Sennetts Normen und Ideale alle aus der Vergangenheit stammen. Nicht selten geht der Romantiker mit ihm durch. Sein Lob des Handwerks etwa geht einher mit heftiger Kritik an der bürgerlichen Forderung, den Zugang zu Ämtern nicht durch adlige Geburt, sondern durch Fähigkeitsnachweise zu regeln. Was für den Soziologen der Anfang des Verderbens ist, gilt gemeinhin als Anfang vom Ende des Feudalismus.

Sennett blickt auf die zwischenmenschlichen Beziehungen der Vergangenheit und Gegenwart, als ob sie sich in trauter Koexistenz mit dem „sozialen Kapitalismus“, ja geschützt von ihm, entwickelt hätten. Das Gegenteil ist der Fall. Ihre Qualitäten sind das Ergebnis beharrlicher Kämpfe, und sie müssen fortwährend verteidigt werden. Dafür braucht es einen klaren Blick auf die rasanten Veränderungen der Gegenwart, die bei vielen zu Recht Angst erregen – und keinen sentimentalen.

Richard Sennett: Die Kultur des neuen Kapitalismus. Aus dem Amerikanischen von Michael Bischoff. Berlin Verlag, Berlin 2005. 160 Seiten, 18 €.

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