Kultur : Pyromanie

Andris Nelsons und das RSB im Konzerthaus

Christine Lemke-Matwey

Nass geschwitzt, mit zerzaustem Frack und umflortem Blick nimmt er am Ende die Ovationen entgegen, das lettische Radio ist gleich mit einer ganzen Delegation angerückt, auch die Botschaft der kleinen Baltenrepublik scheint vollständig versammelt – und draußen auf dem Gendarmenmarkt steht an diesem Samstagnachmittag das weihnachtsmärktliche Treiben still: Wie immer muss man fast Angst haben um Andris Nelsons, den 28-jährigen Shootingstar aus Riga, der so herzergreifend schön, so vollendet natürlich, so brennend leidenschaftlich den Taktstock führt wie derzeit kein Zweiter. Angst, weil man sich fragt, ob sich ein solches Feuer, solche Hingabe nicht früher oder später selbst verzehrt.

Aber vielleicht ist Nelsons (der 2006 ebenfalls beim RSB sein Berlin-Debüt gegeben hat) ja auch gesund und nordisch und urmusikantisch genug, um nicht verloren zu gehen. Zuzutrauen wär’s ihm, schelmischer jedenfalls – also: wörtlicher, dreister, sprechender – hat man Strauss’ „Eulenspiegel“ selten gehört. Leuchtet hier bereits die Morbidezza der „Salome“ hervor, so wechseln sich da die dröhnenden Tutti und das penetrante Klarinettensolo fast kaltschnäuzig ab, mit riesigen Fermaten ein gewaltiges Risiko eingehend. Zwei Welten, die an der Schwelle zum 20. Jahrhundert nichts mehr voneinander wissen (wollen).

So gesehen mag Carl Reineckes Flötenkonzert von 1908 wohl eher als Verbeugung vor dem RSB-Soloflötisten Ulf-Dieter Schaaff verstanden werden (und vor der stellenweise seidigen Piano-Disziplin des Orchesters!) denn als musikalisches Zeitzeugnis. Strawinskys „Petruschka“ wiederum, in der Originalfassung von 1911, nach der Pause ist ein echter Krimi. Wie Nelsons hier mit hochgereckter linker Faust den Tambourmajor gibt, mit welcher Selbstverständlichkeit und Virtuosität er Strawinskys laszive Raum- Zeit-Wirkungen bedient, das ist atemberaubend. Gebt diesem Mann das Wiener Neujahrskonzert, möchte man rufen, verschafft ihm die weltbesten Orchester! Aber vorher lasst ihn in Ruhe reifen, bei der Nordwestdeutschen Philharmonie, wo er sich kontinuierlich sein Repertoire erarbeitet, in Birmingham, wo er 2008 Sakari Oramo nachfolgt, oder in Bayreuth, wo er 2010 Hans Neuenfels’ „Lohengrin“–Inszenierung dirigieren wird.

Ach, es gebe im Leben immer so viele Möglichkeiten, seufzt Nelsons mit sybillinischem Madonnen-Lächeln auf die Frage, ob er nicht doch gerne Renato Palumbo an der Deutschen Oper beerbt hätte. Gut für ihn, dass es dazu nicht kam. Diese Woche feiert er erst einmal ein Debüt: Beethovens „Pastorale“. In Paderborn. Christine Lemke-Matwey

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