Kultur : Quadratur des Geistes

Aufbruch nach dem Brand: Heute wird in Weimar der Erweiterungsbau der Anna Amalia Bibliothek eingeweiht

Michael Zajonz

Vom neuen Lesesaal aus hat man den schönsten Blick: Kopfsteinpflaster, Ziegeldächer, alte Bäume. Eine perfekte Kleinstadtidylle, wenn nicht direkt gegenüber Baugerüste stehen würden. Heute wird der Erweiterungsbau der Herzogin Anna Amalia Bibliothek in Weimar von Kulturstaatsministerin Christina Weiss und Thüringens Ministerpräsident Dieter Althaus mit einem Festakt im Nationaltheater eröffnet. Die Leser, die ab Montag den Ausblick durch vier hohe Fenster auf das wenig mehr als einen Steinwurf entfernte historische Stammhaus genießen sollten, werden stattdessen eine hinter Plastikplanen versteckte Ruine sehen. In der Nacht vom 2. zum 3. September 2004 brannte der Dachstuhl über dem berühmten Rokokosaal der Herzogin Anna Amalia Bibliothek ab. 50000 historische Druckwerke und Handschriften wurden dabei vernichtet, 62000 weitere zum Teil schwer beschädigt. Ursache war ein Schwelbrand aufgrund eines Defekts der völlig veralteten Haustechnik, der worst case, den die Bibliothekare nicht zu denken wagten. Eine nationale Kulturkatastrophe, so resümierte damals Christina Weiss.

Fast auf den Tag fünf Monate nach dem Brand wird nun der seit 1999 geplante Erweiterungsbau der an der Weimarer Bauhaus-Universität lehrenden Architekten Hilde Barz-Malfatti und Karl-Heinz Schmitz übergeben. Für Michael Knoche, seit 1994 Direktor der Herzogin Anna Amalia Bibliothek, dennoch kein Tag zum Jubeln – obwohl sich die Arbeitsbedingungen seiner 40 festen und 60 freien Mitarbeiter radikal verbessern werden: „Wir gewinnen, ohne gewonnen zu haben.“

Dennoch ist der Umzug einer knappen Million alter Bücher weit mehr als ein kulturpolitischer Ortstermin. Er wird zur Zäsur, zum Gegenbild, das sinnlose Buchvernichtung zwar nicht bannen kann, aber doch ein bisschen den Alltag in diesen Bereich der Stiftung Weimarer Klassik und Kunstsammlungen wohltuend wieder einkehren lässt. Und die 1766 durch Herzogin Anna Amalia im Grünen Schloss vis-à-vis der Residenz untergebrachte Forschungsbibliothek bleibt auch nach dem Brand die erste Adresse, wenn es um deutsche Literatur und Geistesgeschichte zwischen Aufklärung und Romantik geht.

Seit Goethes Zeiten, der dort drei Jahrzehnte lang Bibliotheksdirektor war, schien sich für die Benutzer nicht viel verändert zu haben. Außer, dass 80 Prozent des kräftig gewachsenen Bestandes in Außenmagazinen über ganz Weimar verteilt lagerten. 130 Arbeitsplätze bietet nun die neue Bibliothek, die Bestellzeit von Büchern wird sich von einem Tag auf 25 Minuten verkürzen. Um das Stammhaus mit dem Rokokosaal, der bis zum 200. Todesjahr der Herzogin Anna Amalia 2007 von seinen Brand- und Wasserschäden befreit werden soll, künftig zu entlasten, mussten Magazine, Büros und Freihandbereiche in unmittelbarer Nähe errichtet und unterirdisch angebunden werden. Viel Beton für einen Bereich der Weimarer Altstadt, der seit 1998 zum Weltkulturerbe der Unesco gehört.

Dort hatte die Weimarer Stadtverwaltung ein in Jahrhunderten gewachsenes Ensemble von Bauten freigegeben: das im 16. Jahrhundert entstandene Rote Schloss, das in der Barockzeit direkt daneben gebaute Gelbe Schloss, die Neue Wache des klassizistischen Hofarchitekten Clemens Wenzeslaus Coudray und deren ebenso stattlicher Ergänzungsbau von 1910. Alles in höchst unterschiedlichen Graden der Erhaltung: Vieles ist nach 1945 komplett wiederaufgebaut worden und durfte jetzt entkernt werden, in anderen Gebäudeteilen fanden die Restauratoren Wandmalereien aus der Renaissance. Was sich da zwischen Platz der Demokratie und Residenzschloss, Ilmpark und Kollegiengasse auf unregelmäßigem Terrain auftürmt, ist ein Traum für Denkmalpfleger und der Albtraum jedes Architekten: viel Geschichte, wenig Freiraum.

„Wir konnten nach keinem Idealplan bauen“ fasst Karl-Heinz Schmitz, der mit seiner Professorenkollegin Hilde Barz-Malfatti den inklusive Ausstattung 25 Millionen Euro teuren Um- und Ausbau geplant und realisiert hat, die Entwurfsidee zusammen. Kein Monument auf der grünen Wiese also, wie die 2002 eröffnete Sächsische Landesbibliothek in Dresden von Ortner und Ortner, sondern eine fast unsichtbare Wissenschaftsmaschine. 40 Prozent der Geschossflächen liegen unter dem Straßenpflaster, neben dem zweigeschossigen Tiefenmagazin für eine Million Bücher auch für Leser zugängliche Freihandbereiche entlang der Abbruchkante zum Ilmpark.

Mit der Idee dieses sanft geschwungenen „Parkmagazins“, das zur tiefer gelegenen Wiese hin mit grauen Stahlplatten verkleidet und nur sparsam durchfenstert ist, sich von der Straße aus lediglich durch ein Geländer bemerkbar macht, entschieden Barz-Malfatti und Schmitz im Frühjahr 2000 den Wettbewerb zu ihren Gunsten. Erst im Dialog mit den Bibliothekaren entstand die Idee, anstelle des vorgeschlagenen Innenhofes zwischen den Altbauten einen geschlossenen „Bücherkubus“ zu installieren.

Über vier oberirdische und zwei unterirdische Geschosse erstreckt sich ein quadratischer Prachtraum, in dessen wandhohen Regalen die systematische Freihandaufstellung des Hauses – insgesamt rund 200000 Bände – mit den allgemeinen Nachschlagewerken beginnt. Umlaufende Galerien auf allen Geschossebenen vermitteln einen Eindruck von den Dimensionen dieser nicht gerade übersichtlich zu nennenden Bibliothek. Ein Platz zum Ausspannen: Im „Bücherkubus“ stehen keine Arbeitstische, sondern Sofas.

Zum Hof hin ist diesem Zentralraum ein neuer Eingangsbau vorgelagert, der zwischen den disparaten Altbauten optisch vermittelt, aber doch selbstbewusst genug mit seiner grauen Sandsteinverkleidung und den bündig in der Fassade sitzenden Fenstern als Schlussstein des Bauensembles auftritt. Dieses Entree wird künftig auch benutzen, wer zum Stammhaus möchte. Der etwa 100 Meter lange Weg führt einmal quer durch den neu gegrabenen Untergrund, verengt und weitet sich, steigt sanft an, erhält natürliches Seitenlicht – und endet an einer mit schwarzen Stahlplatten verkleideten Passage, die in ihrer optischen Verjüngung an barocke Illusionsarchitektur denken lässt. Von dort führt eine Tür ins Sockelgeschoss des Grünen Schlosses, hinauf in den Rokokosaal: hoffentlich bereits ab 2007. Denn das ist eine andere Baustelle.

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