Kultur : Quadratwurzeln im Schädel

Kerstin Decker

Werden Mathematiker eigentlich anders wahnsinnig als Bildhauer? Und Chemiker anders als Philosophen? Wahnsinn und Genie - das Thema kennen wir. Es gibt Künstlertragödien. Aber gibt es auch Mathetragödien jenseits von Tafel und Klassenarbeiten?

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Nash ist Mathematiker, in seinem Kopf explodiert nicht das menschliche Wesen der nächsten Jahrhunderte, sondern Gleichungen und Quadratwurzeln der aberwitzigsten Form hämmern von innen gegen die Schädeldecke. Wie im Haushalt jedes Genies fallen dabei schon mal Schreibtische aus dem Fenster, und Nash schreibt auch nicht in langweilige karierte Hefte sondern am liebsten auf alte College-Fensterscheiben. - Russell Crowe hat das Rollenfach gewechselt - vom "Gladiator" zum Mathematikprofessor. Vielleicht ist das ja auch eine Altersfrage.

"A Beautiful Mind", der im Wettbewerb außer Konkurrenz läuft, ist sein Film, denn die Nuancen der Weltverlorenheit eines Menschen, der statt Gedanken Zahlen im Kopf hat und außerdem Stimmen hört, sind fein abgestimmt. Zum ersten Mal gelingt uns die Einfühlung in das Seelenleben eines Mathematikers. Vielleicht wäre alles auch nicht so schlimm gekommen mit diesem Zahlenmagier, hätte nicht der Geheimdienst im Kalten Krieg den Mann für sich entdeckt. Codes soll er entschlüsseln, denn egal, was Nash anschaut - es werden Zahlen daraus. Aber eins wirkt übel auf sein seelisches Gleichgewicht: Er darf mit niemandem über die Ergebnisse reden. Geheimdienste sind da eigensinnig. Nur wie soll ein Mathematiker das verstehen? Anders als die meisten Menschen in vergleichbaren Lagen sieht Nash noch lange nach dem "Kontakt" mit seinem Führungsoffizier diesen im Geiste. Crowe macht das so gut, dass wir begreifen: Das Normalbewusstsein muss ein Grenzfall der Schizophrenie sein. Auf Außenstehende wirken solche Unterhaltungen dennoch immer etwas befremdlich, darum blieb dem Genie die große Karriere versagt. Leider waren auch Crowes Kontakte zu Frauen nie einfach. Nach Art der Mathematiker geht er immer den direktesten Weg, woran man erkennt, dass die Logik der Mathematik und die Logik der Liebe doch sehr verschieden sind.

"A Beautiful Mind" hat viel Sinn für Details, allerdings ist Ron Howards Film insgesamt recht hollywoodesk blankpoliert, und die Tränen bei der schlußendlichen Nobelpreisverleihung an den schizophrenen Professor - diesen Nash gibt es wirklich in Amerika! - überschwemmen den Film, aber kaum unsere Herzen. Man bleibt zuletzt doch Zu-Schauer, gewinnt beinahe diesen typischen Arzt-Blick auf den Patienten Nash-Russell. Der junge deutsche Regisseur Hans Weingartner hat auch einen Film über einen Schizophrenen gemacht. Kein Professor, nur ein miserabler Student. "Das weiße Rauschen" ist eben angelaufen und erreicht eine ganz andere, klaustrophobische Intensität der Wahrnehmung: Eingeschlossen-Sein im Kopf eines anderen.

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