Kultur : Quarz oder gar nicht

Eine Frage des Grundes: Im Rembrandtjahr schwelt der Streit um echte und falsche Rembrandts

Christina Tilmann

Über das Porträt der Elisabeth Bas, das das Amsterdamer Rijksmuseum 1880 erwarb, kam es 1911 zur regelrechten Expertenschlacht. Der Rembrandtforscher und Direktor des Mauritshuis Abraham Bredius und sein Kollege Cornelis Hofstede de Groot stritten sich um so ziemlich jeden Punkt des Gemäldes. Die Hände: „einzigartig, meisterhaft ausgeführt“ (Hofstede) oder „kleinlich“ (Bredius). Der Kragen: „delikat“ oder „zweitklassig“. Oder das Taschentuch, das die Dame in der Hand hält: „typisch für Rembrandt, gut ausgearbeitet, aber frei“ (Hofstede) oder „exakt ausgearbeitet, absolut untypisch für Rembrandt“ (Bredius).

Rembrandt oder nicht, das ist die alte Frage, auch und gerade im Rembrandtjahr. Nun gibt es neue Erkenntnisse. Seit den siebziger Jahren beschäftigt sich das „Rembrandt Research Project“ in den Niederlanden mit Echtheitsfragen – und trat dabei häufig als Wertvernichter auf. Bestürzt sahen Museen in aller Welt im Zuge der Forschungen ihre Rembrandt-Bestände dahinschmelzen – neben dem ideellen auch ein erheblicher pekuniärer Verlust. Das Dresdner Kupferstichkabinett zum Beispiel stellte seine RembrandtZeichnungen 2004 erneut vor: Von den einst 150 Blättern waren 21 „echte“ Rembrandts geblieben. Berlin betrauert noch immer den Verlust seines Prunkstücks, des „Mannes mit dem Goldhelm“. Dafür gewinnen Rembrandt-Schüler wie Govert Flinck, Carel Fabricius oder Ferdinand Bol in den letzten Jahren neues Ansehen und werden mit Einzelausstellungen geehrt.

Die Zu- und Abschreibungsdebatte gleicht nicht selten einem Kunstkrimi. Eine erhellende Kabinettausstellung im Amsterdamer Rijksmuseum zäumt das Pferd im Rembrandtjahr nun einmal von hinten auf und präsentiert mit „Really Rembrandt“ 13 Werke, die einmal als Rembrandt galten und inzwischen abgeschrieben sind (bis 24. Mai). Die Gründe waren vielfältig: Kopien, Fälschungen oder Arbeiten von Schülern. Mal existierte der Farbton Preußisch Blau, der im Bild verwendet wird, zu Rembrandts Zeiten noch nicht, mal ist die Unterschrift gefälscht, mal taucht später ein weiteres Bild mit dem gleichen Motiv auf, das als Original angesehen wird. Normalerweise landet so ein abgeschriebener Rembrandt, einst teuer angekauft, an sich kein schlechtes Bild, verschämt im Depot. Manchmal wird er wieder rehabilitiert. Das schöne Porträt der Elisabeth Bas zum Beispiel hielt der Rembrandt-Spezialist Albert Blankert plötzlich wieder für echt.

Bredius und Hofstede hatten sich noch auf ihr kennerschaftliches Urteil verlassen. Hatten Bildvergleiche mit anderen Rembrandts oder Schülerarbeiten angestellt, Farbstriche und Pinselstrukturen analysiert und letztlich nach Augenschein geurteilt: „Sehen Sie selbst!“ Inzwischen nutzt man längst technische Hilfsmittel. Eine wegweisende Erkenntnis stellt die niederländische Kunsthistorikerin Karin Groen, Mitarbeiterin des „Rembrandt Research Projects“, nun im vierten, den Selbstporträts gewidmeten Band des Forschungsprojekts vor, der nach 16-jähriger Pause Ende 2005 erschienen ist (A Corpus of Rembrandt Paintings, vol. IV. Hrsg. von Ernst van de Wetering, Springer Verlag, 690 S., 1000 €). Es geht, technisch genug, um die Grundierung der Bilder. Haben Zeitgenossen von Rembrandt eine klassische Doppelgrundierung mit Rot- und Grautönen benutzt, setzen der Meister und seine Werkstatt seit 1640, seit der berühmten „Nachtwache“, auf Quarzsand. Das ist billiger, der Farbton (hellgrau) stimmt, und die Leinwände bleiben flexibel: Sie lassen sich heute noch ohne Beschädigung einrollen.

Mehr als 120 Bilder hat Groen untersucht, 45 davon waren auf Quarzgrund gemalt und stammten aus Rembrandts Werkstatt. Andere Maler benutzen diese Technik nicht. Alles ganz einfach also: eine kleine Farbprobe, und schon steht fest: Rembrandt oder nicht. Zumindest ein Bild, das Stuttgarter Selbstporträt, das lange als Kopie oder Fälschung galt, ließ sich auf dieser Grundlage der Rembrandt-Werkstatt zuschreiben.

Doch die Fragen fangen damit erst an. Warum haben die Schüler Rembrandts, die in seiner Werkstatt die Technik kennen lernten, später nicht auf Quarzgrund gearbeitet? Warum haben sich Konkurrenten nicht ebenfalls der praktischen Technik bedient? Wann findet man den ersten Nicht-Rembrandt auf Quarzgrund? Und: Ist der „Mann mit dem Goldhelm“ eigentlich auf seine Grundierung untersucht worden? Das Bild aus der Gemäldegalerie ist derzeit im Amsterdamer Rembrandt-Haus zu sehen, im Rahmen der Ausstellung „Ein Genie auf der Suche“, die ab August in veränderter Form in Berlin zu sehen sein wird. Mit 70 Rembrandts. Und dem Goldhelm.

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