Kultur : Qui la voce

MANUEL BRUG

Die zarteste Versuchung, seit es Mezzos gibt: Wo andere brüllen, verzaubert Cecilia Bartoli VON MANUEL BRUG

Dem professionellen Kunstbetrachter versagen die Worte.Schön.Grandios.Perfekt - fast.Cecila Bartoli hat einen Liederabend in der Kölner Philharmonie beendet.Hat sich trotz Fieber immer lockerer gesungen.Hat ein 2000-Plätze-Auditorium mit silberfeinem Piano in eine hustenfreie Zone verwandelt.Hat jeden Anwesenden in einen gebannten Zuhörer verwandelt.Als sie vor der Pause eine Tempesta-Arie aus Vivaldis vergessener Oper "La Griselda" blitzen, funkeln, glitzern läßt, auf dem Wort "Naufragar" eine Kaskade von Koloraturen immer neu eingefärbt auf schier endlosem Atem hochsteigen läßt, da gibt es kein Halten mehr.Jetzt ist der Seesturm im Saal los.Beifall gischtet.Doch die Bartoli geht nicht unter.Sie triumphiert. Ähnliches ereignet sich in der vorletzten Zugabe, Gioachino Rossinis "Canzonetta espagnola".Ein simpler Bolero-Rhythmus wird da mit immer neuen Verzierungen ausgeschmückt, veredelt, verblüffend mit Tönen eingekleidet.Dazu flirtet sie mit Augen, Armen und Oberkörper mit ihrem Publikum, wandert um den Flügel, verhübscht fast jeden Lauf mit einer visuellen Geste.Ewig könnte das so weitergehen.Das Mädel ist ein Wunder.Sapperlot! Das Mädel, früher ein wenig puppig, ist längst eine Dame.Eine dickköpfige, eine begabte, eine sehr italienisch anmutende - von Aussehen, Statur, Naturell und Stimmung.Die süßeste Versuchung, seit es Mezzos gibt.Eine Platitüde, aber man kann angesichts eines solchen Geschenks an Stimme, einer solchen Fülle des Wohllauts nicht sachlich bleiben, mit den emotionslosen Methoden der Richter messen, einteilen, katalogisieren. Kann man schon: Cecilia Bartoli, Römerin, 30 Jahre alt.Singt als Profi, seit sie neunzehn ist.Hat vorher Flamenco getanzt.Urmusikalisches Kind von Sängern.Einzige Lehrerin war und ist ihre Mutter Silvana.Eine kleine Stimme.Aber vollkommen ausgewogen und placiert.Perfekte Technik, bruchlose Registerwechsel.Umfang etwa zweieinhalb Oktaven.Ideal für Mozart, Rossini, Koloratur-Spezialitäten, Barockarien und altitalienische Canzone.Leicht verhangenes Timbre.Dank dieser Färbung und einer stupenden, phantasievollen Musikalität nach wenigen Tönen sofort wiederzuerkennen. Das eben sind nur Fakten, Fakten, Fakten.Singen können viele.Wenige können es so wie Cecilia Bartoli.Die produziert nicht nur Töne.Die weiß jederzeit, wie und was sie singt.Die hat Spaß daran, was sich jederzeit mitteilt.Die geht mit Noten nachschöpferisch um, wie es früher Brauch war, ist nicht Sklavin von Komponisten und vorgeblich partiturtreuen Dirigenten, legt sich die Töne in der Kehle zurecht, wie sie sie braucht und wie sie es angemessen findet.Die geht nicht den Weg des geringsten Widerstandes und der schnellsten Mark, sondern will stetig lernen, neue Erfahrungen sammeln. Natürlich verfügt auch Cecilia Bartoli über keine perfekte Stimme, die gibt es zum Glück nicht.Die jetzt so wohllautende Tiefe hat sie sich erarbeitet, die Höhe, früher manchmal etwas dünn, ist sicherer, gestärkt.Manchmal aspiriert sie etwas zu sehr, auch gerät mitunter im Eifer des Koloraturgefechts der Vortrag ins Manierierte - das stört kaum: Ein Mezzo-Solitär verwandelt Noten in tönende Schmetterlingsträume. Cecilia Bartoli macht sich viel Mühe.Das beginnt bei der Auswahl des Repertoires.Es sollen Rollen sein, die ihr gefühlsmäßig liegen, Lieder, Stimmungen, in denen sie sich wiederfinden kann.Die so einfach gehaltenen, aber deshalb den intelligenten Interpreten um so stärker fordernden Canzonen und Madrigale, Arien und Kantaten altitalienischer Komponisten wie Vivaldi, Caldara, Carissimi, Scarlatti, Paisiello, das ist ihre Welt.Deshalb hält sie sich auch mit Hosenrollen, sonst ein angestammtes Mezzofach, auf der Bühne zurück: "Ich fühle einfach nicht wie ein Mann, noch nicht." Den Cherubino hat sie gesungen - und, wenn es mit dem Deutschen besser klappt, wenn sie voll hinter dem Sinn der Worte steht und nicht nur phonetisch gelernt hat, vielleicht, der Komponist in "Ariadne auf Naxos". Rossini natürlich, der ist ihr Markenzeichen.Von der Rosina im "Barbier von Sevilla" hat sie sich inzwischen verabschiedet, alles hat seine Zeit.Die Italienerin in Algier lockt, immer wieder die Cenerentola, und jetzt die Fiorilla in dem reizvollen Prä-Pirandello-Operchen "Der Türke in Italien".Das ist zum ersten Mal eine Partie von Maria Callas, mit der Cecilia Bartoli zwar oft verglichen wird, mit der sie aber nur wenig gemein hat: außer dem Talent. Das aber nutzt sie ganz anders.Cecilia Bartoli lebt niemals über ihre (vokalen) Verhältnisse und klingt trotzdem keine Sekunde langweilig, abgesichert.Was der Bartoli an der Callas imponiert: die hat eine ganze Gattung, die romantische Belcanto-Oper, wiederbelebt, wurde stilbildend, Maßstäbe setzend.Kann Cecila Bartoli solches im Bereich der Barock-Musik gelingen? Warum nicht? In Kürze wird - auf ihren Vorschlag hin - in Zürich Paisiellos Goldoni-Oper "Nina" wiederbelebt, eines der erfolgreichsten Werke des 18.Jahrhunderts, heute vergessen.Die Bartoli ist jedenfalls der erste Weltstar, der sich in der Originalklang-Bewegung engagiert - seit einer für sie prägenden Begegnung mit Nikolaus Harnoncourt."Er hat mir beigebracht, mit noch mehr Fragen als vorher nach einer Vorstellung von der Bühne zu gehen." So hat sie mit Harnoncourt ihre erste Haydn-Oper gesungen ("ein Kontinent, auf dem ich sicher noch viele Schätze heben werde") und dabei ganz unprimadonnenhaft auf dem Rücken liegend und mit Erde beschüttet ihre Sterbeszene als Euridice gesungen.Wenn die Bartoli solches unternimmt, ist das Haus selbst bei Raritäten ausverkauft, wie in Köln die Philharmonie, obwohl unbekannte Vivaldi-Kantaten mit Streichquartett und Orgelbegleitung auf dem Programm stehen.Unlängst hat sie Lieder von Pauline Viardot-Garcia, einer der berühmtesten und kultiviertesten Sängerinnen des 19.Jahrhunderts, eingespielt.Nach dem Konzert drängeln sich darum die Kaufwilligen an den CD-Tischen. La Bartoli, die Rettung eines kränkelnden Industriezweiges? Die PR um ihre Person nahm zeitweise beängstigende Formen an.Denn wer selbst von einer Liedplatte weltweit 250.000 Stück verkauft, der läuft schnell Gefahr, ausgequetscht zu werden wie eine Zitrone.Doch die Bartoli macht das nicht mit, verweigert Weihnachtsplatten und anderen tönenden Tinnef.Selbst wenn sie an der Met als Despina auftritt, müssen sich 4000 Zuschauer eben auf ihr Stimmvolumen einstellen.Brüllen dürfen die anderen.Cecila Bartoli singt nämlich.Und das soll noch möglichst lange so bleiben. Cecilia Bartoli gibt am 15.Dezember um 20 Uhr ihren ersten Berliner Liederabend in der Philharmmonie.

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