Kultur : Quietschende Straßenbahn

THEATER

Jens Mühling

„Jeder meiner Träume verkörpert sich, sobald er geträumt erscheint, in einer anderen Person.“ Das Träumen war ein ernstes Anliegen Fernando Pessoas, die Persönlichkeitsspaltung sein literarisches Projekt. Zahllosen imaginären Autoren diktierte der 1935 verstorbene Portugiese seine melancholischen Beobachtungen in die Feder: dem Hirten Alberto Caeiro, dem Schiffsbauingenieur Alvaro de Campos, dem Arzt Ricardo Reis, dem Gottesnarren Antonio Mora. Und selbst innerhalb der Fiktionen wird ein Ich nicht greifbar, verlieren sich Erzähler in den Träumen anderer Träumer. Naheliegend, dass die „MusikTheaterInstallation Pessoares “ bei ihrer Adaption von Pessoas „Buch der Unruhe“ den Weg einer entpersonalisierten Theatersprache wählt. Weder der Protagonist und fiktive Autor, der Hilfsbuchhalter Bernardo Soares, noch sein alter ego Pessoa erscheinen auf der Bühne – stattdessen setzt die genreübergreifende Inszenierung den Zuschauer selbst an die Stelle des beobachtenden, träumenden Subjekts. Bespielt werden alle Räume der verwinkelten Staatsbank Berlin (Französische Str. 35, wieder am 19., 20. April sowie 30.April bis 4.Mai), und überzeugend gelingt es den drei Regisseuren von „Pessoares“, den Geist von Pessoas Welt ins jeweils eigene Medium zu transportieren. Installationen (David Reuter) stellen spielerisch Bezüge zwischen dem Lissabon des Hilfsbuchhalters Soares und den Arbeitsräumen der Staatsbank Berlin her. Die theatralische Umsetzung (Gian Manuel Rau) interpretiert Textfragmente in der Gleichzeitigkeit mehrerer Bühnenhandlungen, während Daniel Ott (Musik) die Geräuschwelt Lissabons einfängt. In einer kratzenden Geige glaubt man das Quietschen der alten Straßenbahnen zu hören.

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