Kultur : Quiz-Shows: Fernsehen macht schlau

Richard Herzinger

In der "Quiz Show" von SAT 1 wird den Kandidaten eine sehr leichte Anfangsfrage gestellt, für die keine alternativen Lösungsmöglichkeiten vorgegeben werden. Eines Tages scheiterte ein junger Mann schon an dieser ersten, von den Anwärtern üblicherweise problemlos genommenen Hürde zum großen Geld. Man hatte von ihm wissen wollen, wer der Vater von Kain und Abel war. Der Kandidat musste bekennen, von der Bibel nicht die geringste Ahnung zu haben und deshalb raten zu müssen. Seine Antwort lautete: "Moses".

Dieser junge Mann ist das Opfer einer Fehleinschätzung der Quizredaktion geworden. Sie war offenbar von der irrigen Voraussetzung ausgegangen, Grundkenntnisse der Heiligen Schrift gehörten noch immer zum Minimalbestand der Allgemeinbildung. Hätte man den Kandidaten gefragt, wie der Onkel von Donald Duck heißt, er hätte wohl kaum mit der richtigen Antwort gezögert.

Die kleine Episode bietet Stoff für die Albträume aller Kulturkritiker, die seit langem den Verfall des klassischen abendländischen Bildungskanons beklagen. Und der Gedanke, dass immer größere Teile des geistigen Besitzstandes, der lange Zeit Grundlage der kulturellen Selbstverständigung der westlichen Welt war, dem kollektiven Vergessen verfallen könnten, weil sie durch die Schulen nicht mehr weiter tradiert werden, ist ja auch durchaus beunruhigend.

Doch diese Befürchtung ist bei näherem Hinsehen überzogen. Das klassische humanistische Wissen verschwindet nicht - es verliert nur seine unangefochtene Stellung im Zentrum aller Bildung, weil es seinen traditionellen gesellschaftlichen Träger verliert: jene geschlossene bürgerliche Bildungsschicht, die sich durch einen fest kodifizierten Wissenskanon definierte und dadurch in der Lage war, eine für die ganze Gesellschaft gültige Hierarchie des Wissens festzulegen. Die Ausbreitung der neuen Massen- und Kommunikationsmedien beschleunigt nun die Vermischung der früher streng geschiedenen kulturellen Sphären - sie verstärkt die Tendenz zur Nivellierung von "Hoch- und Massenkultur".

Das bedeutet aber keineswegs, dass das allgemeine Bildungsniveau der Gesellschaft sinken würde. Im Gegenteil: Im Ganzen gesehen, hebt der durch die neuen Technologien erleichterte Zugang zu jeder Art von Wissen den Bildungsstand der Bevölkerung: Nie zuvor wussten so viele Leute so viel von der Welt wie heute. Dieser Wissensstand lässt sich aber immer schwieriger an für alle maßgeblichen Kriterien der Einteilung in höhere oder niedere Kenntnisse messen. Es handelt sich um ein frei flottierendes, gleichsam zerstreutes Wissen.

Der Boom der neuen TV-Quizshows spiegelt diesen Prozess wider. In früheren Fernsehepochen, als es nur das Öffentlich-Rechtliche mit seinem offiziösen Bildungsauftrag gab, wurden Quizkandidaten noch als etwas Besonderes dargestellt: Leute zwar wie du und ich, die aber ein bestimmtes Interesse an einem bestimmten Wissensgebiet vorwiesen konnten. Das Abfragen durch den Quizmaster glich einer Prüfungssituation. Heute treten die Moderatoren nicht mehr als autoritäre Repräsentanten eines verbindlichen Wissenskanons auf, sondern wie freundliche Gleiche unter Gleichen, deren Überlegenheit einzig darauf gründet, dass sie auf dem Computerbildschirm die richtige Antwort vor sich haben. Bei Günter Jauch kann man, wenn man bei einer Frage nicht mehr weiter weiß, einen Bekannten anrufen oder das Publikum um Rat fragen. Kandidat, Studio- und Fernsehpublikum werden so zu einer medialen Familie verschmolzen.

Um Volksbildung geht es in diesen Sendungen nicht - sie ist allenfalls ein unvorhergesehener Nebeneffekt. Belehrende Erklärungen im Anschluss an die Auflösung unterbleiben. Was hier abgefragt wird, sind jene unzusammenhängenden Informationspartikel, die man zwanglos mitbekommen kann, wenn man viel fernsieht. Fragen wie die nach dem Autor der Wahlverwandtschaften" oder dem Komponisten der "Zauberflöte" stehen unvermittelt neben denen nach der männlichen Hauptrolle in einer erfolgreichen Fernsehserie oder nach dem Fußball-Europapokalsieger von 1973. Die Fragen durchstreifen unsystematisch den Wissensfundus, der dem ideellen Gesamtkörper der großen Medienkonsumgemeinschaft potenziell verfügbar ist. Als deren momentane Inkarnation tritt der Kandidat auf, um mit einem Teilausschnitt der virtuellen Wissensfülle konfrontiert zu werden.

Die höhere, kultivierte Bildung wird in einer weiteren Schraubendrehung der Entauratisierung des bürgerlichen Bildungserlebnisses nun auch zum Gegenstand des leichten Entertainments. Als Vorreiter auf diesem Feld profiliert sich Harald Schmidt, wenn er in seiner Late-Night-Show Hölderlin-Gedichte rezitiert oder mit Playmobil-Figuren den "Ring des Nibelungen" nachspielt, und sich dabei sowohl über das verständnislose Staunen des breiten Publikums als auch über den Neid professoraler Bildungsvermittler amüsiert, denen das Ohr der "Spaßgesellschaft" verschlossen bleibt.

Bildungseliten in Angst

Solche wildwüchsigen Formen der Wissensverbreitung lösen bei den etablierten Bildungseliten Verlust- und Auflösungsängste aus. Die traditionalistische Medienkritik - von links wie von rechts - beklagt die Verramschung von Werten und Idealen, die Erosion von substanziellen Inhalten und moralischem Verantwortungsbewusstsein im Zuge der Kommerzialisierung des Mediengewerbes. Es bleibt dabei nicht aus, dass die alten Tage, als es nur die wackeren öffentlich-rechtlichen Programme gab, maßlos idealisiert werden: So, als habe es dort einst den lieben langen Tag nur hochwertige sozialkritische Fernsehspiele mit hochklassigen schauspielerischen Leistungen, avantgardistische Filmexperimente und aufrüttelnde Kulturdokumentationen gegeben. In Wirklichkeit ist das heutige Programmangebot nicht nur um ein Vielfaches abwechslungsreicher, sondern auch qualitativ - inhaltlich und technisch - insgesamt von unvergleichlich höherer Qualität als vor dreißig bis vierzig Jahren. Man nehme nur das Kinderfernsehen: Was es noch in den frühen sechziger Jahren an Kinderprogrammen zu sehen gab, waren staubtrockene pädagogische Lehrstunden wie "Wir basteln für das Christkind" oder "Turnen mit Adalbert Dickhut", langweilige Berggeschichten von Luis Trenker und als besondere Schmankerl und Aufreger "Lassie" und "Fury".

Oder das gepriesene deutsche Fernsehspiel: Das war damals vor allem für seine hölzernen Dialoge, lieblose Schauspielerführung und uninspirierten Kameraeinstellungen berüchtigt. Wenn die Fernsehspielabteilungen sozialkritisch oder politisch aktuell wurden, kamen dabei zumeist peinlichste Volkshochschullektionen heraus. Wenige Lichtblicke auf diesen Feldern sind gerade deshalb in Erinnerung geblieben, weil sie so selten waren. Die Kulturkritik konnte sich damals vor Hohn und Spott über den Dilettantismus der deutschen Fernsehmacherei kaum halten. Das alles ist heute vergessen, wenn es darum geht, den steten Niedergang der Medienkultur zu geißeln.

Neben dieser notorisch kulturpessimistischen Medienkritik gibt es aber noch eine andere Richtung, deren Affekt gegen die Mediengesellschaft schwerer zu erkennen ist. Denn diese Richtung gibt vor, sich ganz und gar mit der medialen Dynamik zu identifizieren und keine Wertungen derselben vorzunehmen. Die Mediatisierung des öffentlichen Raums inspiriert eine spekulative, so genannte "Medientheorie" zu ihrer phantasmagorischen Weltsicht. Unermüdlich kündet sie von der Dezentrierung der Subjekte und Diskurse, tritt jedoch selbst im Gestus umfassender Welterklärung auf.

"Medien" gelten ihr als eine gleichsam elementare Gegebenheit ohne eigenen Inhalt - und indifferent gegenüber den Inhalten, die sie transportiert. Ob im Fernsehen der Wetterbericht, eine Flugzeugkatastrophe oder ein Politikerskandal gezeigt wird - alles fließt unterschiedslos ein ins mediale Universum des Designs, das ästhetischen Imperativen wie Tempo, Reichweite und Form folgt und sich dem Politischen grundsätzlich entzieht. Die Massenmedien würden bald gar nicht mehr auf reale Ereignisse Bezug nehmen, sondern nur noch von anderen Medien produzierte Botschaften ins jeweils eigene Format übertragen.

Statt die Mechanismen aktueller Machtkämpfe um Diskurshoheit in der Medienöffentlichkeit auszuleuchten, gefällt sich diese "kulturwissenschaftliche" Medientheorie in der hermetischen Selbstbezüglichkeit metaphorischer Übertreibungen. Im Rauschen und Raunen dieses Mediendiskurses kommen die konkreten Probleme handelnder Menschen nicht mehr vor. Auch die Medientheorie entpuppt sich somit als ein herablassendes intellektuelles Abwehrmanöver der gebildeten Klassen gegen das Vordringen der "Massen" in den privilegierten Raum öffentlicher Weltinterpretation: Das störende Element wird aus ihren menschenleeren, dynamistischen Meta-Szenarien ganz einfach hinausdefiniert.

Der kulturpessimistischen Kritik an der verderblichen "Beliebigkeit" des Informationsangebots und der euphorisch-apokalyptischen Stilisierung der Medienwelt zur subjektlosen Eigendynamik entgehen gleichermaßen die wirklichen Gefahren, die von der explosionsartigen Expansion des Mediensektors ausgehen. Es sind dies ganz konventionelle, altbekannte Gefahren: Sie gehen von der Machtkonzentration in der Hand einzelner Medienmogule und ihrer wachsenden Neigung aus, diese Macht für direkte politische und ideologische Einflussnahme zu nutzen. Gefahren also, die spätestens seit den italienischen Parlamentswahlen im Frühjahr 2001 einen Namen haben: Berlusconi.

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