Kultur : Rach drei - Spass dabei

Uwe Friedrich

Dann spielte das National Symphony Orchestra Washington noch ein Stück aus William Waltons Filmmusik zu "Henry V.". Spätestens hier musste jedem klar werden, dass sich dieses Orchester vor der europäischen Konkurrenz nicht verstecken muss. Dirigent Leonard Slatkin reizte die dynamischen Möglichkeiten der Philharmonie voll aus und zeigte so im Vorübergehen, dass sein Orchester auch in Lautstärkeexzessen noch schön klingt. Prokofjews 5. Symphonie gewann so überwältigende Wucht. Das Problem, den Klangstrom des Komponisten in etwas genauer strukturierte Bahnen zu lenken, kann allerdings selbst ein Slatkin nicht wirklich überzeugend lösen. Zumal vorher mit Sergej Rachmaninows 3. Klavierkonzert ein weiteres Werk mit eher ausufernden Formen auf dem Programm stand.

Der Pianist Michail Pletnjew gilt als Exzentriker, als manierierter Divo unter den Tastenkünstlern. Mit verblüffenden Wendungen und kleinen hochvirtuosen Überraschungen verwandelt er das Virtuosenvehikel in aufregend moderne Musik. Pletnjew entwickelt das Werk aus dem Geist des Belcanto. Jeder noch so kleine Motivfetzen wird immer wieder verändert, erklingt in jeder Wiederholung neu und anders. Mit großem Wagemut führt er die Musik fast zum Verstummen, lässt den Klang ganz verhalten und doch genau fokussiert aufblühen, zwingt das Publikum damit zum genauen Zuhören, um direkt danach prächtige Kraftentfaltung zu zeigen. Vollkommen unsentimental unterspielt er die eher filmmusikhaften Passagen, ohne ihnen jedoch den überwältigenden Schmelz zu nehmen. So wird durch Pletnjews faszinierendes Stilgefühl dieses Monument spätromantischer Kuschelklassik zu ergreifend moderner Musik.

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