Kultur : Rach mal wieder!

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SOTTO VOCE

Jörg Königsdorf über

das Konzert des Jahrhunderts

Mikhail Pletnev – siehe Kritik auf der ersten FeuilletonSeite – hat es gerade bewiesen: Sergej Rachmaninows drittes, seit dem Kinofilm „Shine“ über den britischen Pianisten David Helfgott liebevoll „Rach drei“ genannt, ist wohl das wichtigste Klavierkonzert des zwanzigsten Jahrhunderts. Kein Pianist, der den Anspruch hat, als Virtuose zu gelten, kommt derzeit an dem Stück vorbei – erst recht nicht, wenn er Russe ist. Kissin, Volodos, Lugansky, Berezowsky, Pletnev, sie alle müssen irgendwann eine Einspielung von „Rach drei“ vorlegen – was auch dazu geführt hat, dass dieses Werk zum Vergleichsmaßstab in Sachen Klavierkunst geworden ist – und in dieser Funktion nunmehr Tschaikowskys erstes Klavierkonzert abgelöst hat.

Auch wenn Pletnevs Interpretation die wohl radikalste ist, die dieses Stück jemals erfahren hat, bleiben natürlich, wie bei allen großen Werken, Alternativen offen: Gerade erst hat beispielsweise Shooting-Star Nikolai Lugansky bei Warner seine Version vorgelegt: Wo Pletnev durch seine Einsichten fesselt, fasziniert Lugansky durch souveräne Noblesse seines Klaviertons – statt eines Zweiflers spielt hier ein junger Prinz, der selbst die größten Gemeinheiten des Klaviersatzes mit einer selbstverständlichen Leichtigkeit und Frische meistert. Da zuzuhören, macht einfach Spaß – und neugierig darauf, wie die Konkurrenz wohl reagiert. Und die folgt auf dem Fuße: Mit Boris Berezowsky ist gleich am Montag der nächste Anwärter auf den Titel des Pianistenkönigs mit „Rach drei“ in Berlin und fungiert als Zugpferd für den Gastauftritt des Dallas Symphony Orchestra in der Philharmonie (drumherum wird Andrew Litton die fünfte Sinfonie von William Schuman und Strawinskys „Feuervogel“ dirigieren) . Auch für Berezowsky ist die rein manuelle Bewältigung des Stücks natürlich kein Problem – auf der Superpianistenebene geht es ohnehin vor allem darum, das Schwere so leicht wie möglich klingen zu lassen.

Was den pianistischen Anspruch angeht, hat „Rach drei“ übrigens in Prokofievs zweitem Klavierkonzert den härtesten Rivalen. Nur ist das Prokofiev-Stück melodisch eben nicht so eingängig und effektvoll und deshalb auf den Konzertprogrammen noch immer so selten wie „Rach drei“ es vor zwanzig Jahren war. Der 58-jährige Peter Rösel , zu DDR-Zeiten der bekannteste Klaviervirtuose seines Landes, stellt sich dem Stück heute abend zusammen mit dem Berliner Sinfonie-Orchester und dem Weimarer Generalmusikdirektor Jac van Steen im Konzerthaus . Und Rösel wird schon wissen, wie man’s macht – schließlich hat er sein Handwerk in Moskau gelernt und triumphierte dort beim Tschaikowsky-Wettbewerb. Übrigens nicht mit „Rach drei“.

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