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Dorsales Striatum aktiviert. Sonntagnacht am Ground Zero, New York: Zwei Amerikaner feiern den Tod Osama bin Ladens. Hirnforscher sagen: Rache macht Laune.

© Reuters

Die Biologie der Sühne: Rache ist Blutdurst

Amerika feiert die Tötung Osama bin Ladens. Wie du mir, so ich dir - diese Logik ist tief im Menschen verankert, Vergeltung ist ein Urmotiv des Dramas. Überlegungen zu einem archaischen Gefühl in zivilisierten Zeiten.

Wo hat man das schon einmal erlebt? Ein Mensch wird erschossen, ein grausames, gefälschtes Bild seiner Leiche geht um die Welt – und die Leute gehen auf die Straße und feiern. Tausende strömen in New York und Washington zusammen, singen, trinken, jubeln. „Endlich“, sagen sie. Staatschefs gratulieren zur Tötung und der amtierende Präsident sagt, was Millionen Menschen denken: „Der Gerechtigkeit ist Genüge getan.“ 

Keine Frage, Osama bin Laden war nicht nur ein Top-Terrorist, er war ein furchterregender Virtuose darin, seine perversen Gewaltfantasien Wirklichkeit werden zu lassen. Die stürzenden Türme, die fallenden Menschen, dieser öffentlich inszenierte Massenmord, wen hat das nicht entsetzt? Und doch empfindet man Unbehagen, wenn Tausende den Tod eines Menschen feiern wie die Dortmunder die Meisterschaft.

Die Psychologie hat versucht, die Rache zur Krankheit zu erklären, die es zu heilen gilt. Tatsächlich suggerieren die Bilder aus den USA, dass da etwas passiert, das nicht gesund ist. Aber in den vergangenen Jahren haben Ökonomen, Biologen und Hirnforscher begonnen, das Gefühl zu ergründen und sie sind zu einem anderen Schluss gekommen: Rache gehört zur Grundausstattung der menschlichen Psyche. Und: Rache ist tatsächlich süß.

Der Neuroökonom Ernst Fehr von der Universität Zürich etwa hat untersucht, wie sich Menschen in Kooperationsspielen verhalten. Benahm sich einer der Spieler unfair, durfte der Gegner ihn mit einer Geldstrafe belegen. Im Hirnscanner zeigte sich, dass dabei im Gehirn der Testpersonen das dorsale Striatum aktiv wurde. Das ist die Region des Gehirns, in der das menschliche Belohnungssystem sitzt und die uns motiviert, bestimmte Dinge immer wieder zu wollen: Süßigkeiten zum Beispiel oder Sex.

Kein Wunder, dass wir von Rache-„Gelüsten“ sprechen und dass es Hamlet nach Rache dürstet wie einen Alkoholiker nach der Flasche. Wobei die Rache als Ur-Motiv des Dramas – bei den Griechen in der „Orestie“ oder bei Medea, in zahlreichen Shakespeare-Dramen, im Dürrenmatt-Klassiker „Der Besuch der alten Dame“, im Italo-Western „Spiel mir das Lied vom Tod“ – in der Regel vom Schwächeren ausgeht, der den Stärkeren besiegt. Dass ein großer Staatsapparat Rache übt und dafür bejubelt wird, bleibt die Ausnahme. In Deutschland erinnert sich mancher an eine ähnliche Stimmung im Deutschen Herbst 1977, nach den Selbstmorden in Stammheim.

„Was gerade in den USA passiert, das ist ein deutlicher Beleg dafür, wie tief im Menschen Rache verankert ist“, sagt Fehr. Aber warum verschafft uns Rache diese Genugtuung? Um uns zu schützen, sagen Evolutionsbiologen. „Wir müssen uns bewusst machen, wie kurz die Menschheitsgeschichte ist, in der so etwas wie unparteiische, rechtsstaatliche Institutionen existiert haben“, sagt Fehr.

Die längste Zeit konnten Menschen sich nicht auf Polizei oder Gerichte verlassen. Sie mussten sich selbst verteidigen – was ein Dilemma mit sich brachte: Ist es erst einmal zu spät, hat ein anderer das gemeinsam erlegte Tier alleine verspeist oder gar die Frau getötet, bringt es kaum noch einen Vorteil, ihn zu bestrafen. Im Gegenteil: Ihn zu jagen und zu stellen, kostet Zeit und Anstrengung und ist gefährlich.

Rache ist die Antwort der Natur auf dieses Dilemma. Der Psychologe und Autor Steven Pinker hat sie als „Weltuntergangsmaschine“ beschrieben. Hätte während des Kalten Krieges jemand in der Sowjetunion zig Raketen mit Atomsprengköpfen Richtung USA gestartet, welchen Grund hätte ein logisch denkender Amerikaner angesichts der totalen Vernichtung gehabt, seinerseits den Knopf zu drücken?

Damit die Abschreckung funktioniert muss der Vergeltungsschlag automatisch auf den Start der russischen Raketen folgen – nach dem Motto: „Wie du mir, so ich dir. Ob ich davon noch etwas habe oder nicht.“ Genau so funktioniert Rache. Sie ist die Versicherung der Biologie gegen allzu rationales Verhalten. Nur weil es Rache gibt, wussten Übeltäter zu Urzeiten, dass sie auch dann noch etwas zu fürchten hatten, wenn für den Geschädigten nichts mehr zu retten war. Denn das gab es auch dann noch zu holen: Genugtuung.

Freuen sich die Menschen am Ground Zero nun also, weil sie biologisch darauf programmiert sind, Rache als etwas Erfüllendes zu empfinden? „Dass Rache in einem so alten Teil des Gehirns angesiedelt ist, heißt nicht, dass da etwas vorbestimmt ist“, sagt Fehr. „Das Gehirn ist plastisch, die Kultur kann dieses Rachebedürfnis verändern.“ Aber auch hierzulande fordern manche die Todesstrafe für Kinderschänder. Und die Reaktionen auf die jüngste U-Bahn-Attacke in Berlin zeigen, wie stark Unrecht uns erschüttert. Ob es ein Terroranschlag ist oder die Ermordung des eigenen Vaters: Die Welt scheint tatsächlich aus den Fugen zu sein und wir alle teilen Hamlets Gefühl, dass etwas geschehen muss, sie wieder einzurichten. Die Frage ist: Was?

In Europa gilt es als Errungenschaft, dass der Staat sein Gewaltmonopol nicht dazu nutzt, menschliche Emotionen gewissermaßen auf staatliches Niveau zu heben. Dass Staaten an Verbrechern nicht Rache üben, sondern sie vor Gericht stellen, ist eine Errungenschaft der Zivilisation. In den USA herrscht eine andere Mentalität vor. Da gehen Menschen hin und schauen sich die Exekution des Mörders an, der ihnen die Tochter oder den Sohn genommen hat. „Auge um Auge, Zahn um Zahn“, das hat noch Gewicht in einer Nation, zu deren identitätsstiftenden Mythen die Eroberung des Wilden Westens gehört, jener rechtlosen Gegend, in der die Siedler auf sich selbst angewiesen waren.

„Wir haben diese Runde gewonnen, aber es ist noch nicht vorbei“, sagt einer derer, die am Ground Zero feiern. Nach wie vielen Runden ist es eigentlich vorbei? Schon geht die Angst vor Vergeltungsschlägen um.

Schon die Griechen wussten, wie Rache sich fortpflanzt. In der „Orestie“ opfert Agamemnon Iphigenie, Klytämnestra tötet daraufhin Agamemnon und Kassandra, der Sohn Orestes tötet Klytämnestra und Aigisthos: Mord erzeugt Mord, die Gewaltspirale dreht sich immer weiter. Am Ende wird der Fluch durchbrochen, weil Orestes für seine Morde nicht zum Tod verurteilt wird. Man kann sich nun wünschen, die antike Tragödie hätte auch im Weißen Haus mehr Fans gefunden. Andererseits lassen sich leicht gute Gründe dafür finden, dass Osama bin Laden im Hochsicherheitsgefängnis eine neue Bedrohung dargestellt hätte: allein die Gefahr, dass andere Terroristen versuchen, ihn freizupressen...

„Heute hat unsere Nation das Böse gesehen – das allerschlimmste der menschlichen Natur – und wir haben mit dem Besten von Amerika geantwortet.“ Das waren die Worte von George W. Bush am Abend des 11. September. Er meinte die Feuerwehrmänner, die unter Einsatz ihres Lebens versucht hatten, Menschen aus den Twin Towers zu befreien. Er meinte die Männer und Frauen, die herbeigeeilt waren, um den verstörten Überlebenden beizustehen. Er meinte die Rettungshelfer, die bis über die Grenzen der Erschöpfung hinaus arbeiteten, um Verletzte und Tote aus den Trümmern des World Trade Centers zu bergen.

Am Sonntag hat Amerika wieder geantwortet. Auch dieses Mal hat die Welt ein Stück menschliche Natur gesehen. Und ein Stück amerikanische.

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