Kultur : Rache sei dein Weg

Michael Roes reist mit der Orestie nach Algerien

Steffen Richter

Etwa 80 Prozent Algeriens sind von Wüste bedeckt. Südlich eines schmalen Küstenstreifens beginnt trockenes, unwirtliches Terrain: die Sahara. Dort liegt Timimoun, der Geburtsort des jungen Algeriers Laid. Er soll heimkehren, schreibt seine Schwester Assia, um den Tod seines Vaters zu rächen. Damit beginnt der „Weg nach Timimoun“. Was folgt, ist ein nordafrikanisches Road-Movie, ein surreales Drama der Grausamkeit in mehreren Stationen sowie ein Stück arabischer Kulturanthropologie, das die Grenzen der Verwestlichung auslotet. Vor allem aber handelt es sich um fesselnde, großartig komponierte Literatur nach einer berühmten Vorlage.

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Ausgangspunkt der Reise ist Bejala, eine von den Ausläufern der westlichen Moderne geprägte Stadt an der Küste. Laid betreibt hier ein Fotoatelier. Hinter seiner Leica dokumentiert er persönliche Eitelkeit, das Übertreten von Verboten und die Scham dabei. Und hinter der Kamera, das weiß er, „ist der sicherste Ort, von ihr nicht erwischt zu werden“. Der antriebslose und eher nachdenkliche Laid gilt – gemessen am ortsüblichen patriarchalischen Standard – als Schwächling. Ganz anders sein Freund und Reisegefährte Nadir. Der wettert gegen Bigotterie, Männlichkeitsrituale und das fundamentalistische Roll-Back der algerischen Modernisierung – zumindest zu Beginn der Fahrt. Dann geht es immer tiefer in den Süden. Es ist eine Reise durch die algerische Realtopografie und Realgeschichte. Der Weg, den sie in Bussen und Sammeltaxen, auf Pritschenwagen und zu Fuß zurücklegen, ist gezeichnet vom Bürgerkrieg zwischen Islamisten und Armee, der das Land in den 90er Jahren verheert hat. Willkür und Korruption, Terror und Massaker sind an der Tagesordnung. Mehr als einmal schweben beide in Lebensgefahr.

Doch je tiefer sie in den Süden gelangen, desto mehr muss der am Meer geborene Nadir den ungewohnten Verhältnissen Tribut zollen. Laids Langsamkeit und sein Beharrungsvermögen hingegen erweisen sich zunehmend als Stärke. Man kennt ihn hier. Und man glaubt, dass er als Racheengel heimkehrt, um die Gesetze des Bluts, der Sohnespflicht und der Reinigung seiner Ehre zu erfüllen.

Denn Laids Vater gilt im Süden als Kriegsheld. Seine jüngste Tochter hat er an einen Kumpan verschachert. Dann zieht er wieder ins Feld und kehrt nach Jahren zurück – mit einer anderen Frau und neuen Kindern. In einer dramatischen Szene bringt die Mutter ihn um. Von hier datiert Laids Auftrag, den Vatertod durch Muttermord zu rächen. Und spätestens, wenn der Kriegsheimkehrer in gebundene Sprache verfällt – „Raubst mir mein Haus, mein Weib, meine Kinder, raubst mir meine Ehre gar!“ – ist klar, welche Folie Roes’ Geschichte zugrunde liegt: Laid ist ein neuer Orestes, der Kriegervater gibt den Agamemnon, die Mutter die Klytämnestra.

Es geht also darum, Aischylos’ „Orestie“ mit der aktuellen Auseinandersetzung zwischen Orient und Okzident zu überschreiben. Doch Roes ist keiner, der gordische Knoten einfach so zerhaut. Es beginnt damit, dass die Perspektive oft abrupt zwischen Laid und einem unbeteiligten Erzähler wechselt. So entgeht Roes der Anmaßung, die in der reinen Mimesis an die algerische Sicht liegen würde. Gleichzeitig aber hütet er sich vor einem homogenen, auktorialen Deutungsdiskurs. Anfangs tragen Laids Ich-Passagen seine Familiengeschichte nach. Später treten an die Stelle dieser Rückblenden Zukunftsvisionen, in denen er die Erfüllung seines Auftrags durchspielt. Das alles wird erzählt im Präsens, der Zeitform des unabgeschlossenen Verlaufs.

Am Ende des 2000 Kilometer langen Wegs wird Laid seine Leica abhanden kommen. Als würde er sich einem Bilderverbot fügen – oder als herrsche im Landesinneren eine Evidenz des Realen, die mediale Verdoppelungen hinfällig macht. Laid ist Teil dieser Welt, mehr als er wahrhaben wollte. Doch er ist auch der auf seine Individualität bedachte junge Mann, der sich dem archaischen Kreislauf aus Ehrverletzung und Rachegebot verweigert: Laid ist der Riss.

Michael Roes: Weg nach Timimoun. Roman. Matthes & Seitz Berlin, 176 S., 17,80 €.

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