"Rache" von Jochen Rausch : Das Böse kommt aus unserer Mitte

Enger Horizont und überzeugende ästhetische Ambition: Der Erzählungsband "Rache" von Jochen Rausch nähert sich dem Schicksal von Absteigern und Verlierern an.

Björn Hayer
Jochen Rausch
"Rache": Der neue Roman von Jochen Rausch.Foto: dpa

Grenzen und Extremsituationen der menschlichen Existenz sind die Spezialität des Schriftstellers Jochen Rausch. Seit seinem Erzählungsband „Trieb“ zieht sich eine Blutspur durch Rauschs Literatur. Dass diee spannungsgeladenen Kämpfe jedoch nicht immer auf ein Gegenüber gerichtet, sondern auch innerer Natur sein können, hat er in seinem Roman „Krieg“ bewiesen. Wie in einem Guerilla-Kampf sucht sich darin ein Berg-Eremit gegen einen rätselhaften äußeren Feind zu wappnen, der mehr und mehr seine Denkräume zu erobern scheint.

Schenken wir Rauschs neuem Erzählungsband „Rache“ Glauben, lauert das Böse und Bestialische in jedem von uns. Es bedarf oft nur eines kleinen oder letzten Anlasses, um das Ventil der Aggression zu öffnen. Als die Ehe des Jobcenter-Mitarbeiters zerbricht, machen wenige dumme Worte eines Arbeitsunwilligen aus dem bis dato netten Familienvater einen brutalen Schläger. Es folgt: Die Suspendierung, der soziale Abstieg, an dessen Tiefpunkt ein Mord steht. Ein Kontrollverlust mit Folgen. In der Geschichte „Deine Antonia“ hingegen erzählt der 1956 in Wuppertal geborene Autor und stellvertretende Hörfunkdirektor des WDR von einem minutiös geplanten Akt der Selbstjustiz: Ein Pensionär schwingt sich zum selbst ernannten Racheengel auf und tötet noch im Gericht einen Sexualstraftäter.

Wenig Komplexität in den schmalen Prosaepisoden

Aufmerksam durchstreift Jochen Rausch die moralischen Tiefgründe der westlichen Welt. Ob Straßenkrawalle, Gotteskrieger oder ein Missbrauchsopfer, das nach Jahren seinen Peiniger, einen vermeintlich ehrbaren Pfarrer, wieder aufsucht – die Nemesis dieses radikalen literarischen Entwurfs entspringt den sozialen Schmelztiegeln, den Bruchstellen der Wohlstandskultur. Wir befinden uns in der Mitte der Gesellschaft.

Wer hier jedoch mit Typen und Mustern hantiert, läuft schnell Gefahr, in Klischees abzudriften. „Rache“ umfasst einen engen Horizont eher holzschnittartiger Figuren, zumal in Rauschs schmalen Prosaepisoden kaum Platz dafür ist, Krisen und Konflikte mit der nötigen Angemessenheit und Schärfe zu entfalten. Die wahre Komplexität hinter den Täter-Opfer-Beziehungen lässt sich nur schwer ausbuchstabieren, und so muten seine Monte-Christo-Revivals manchenteils boulevardesk und polemisch an.

Überzeugender wirkt die ästhetische Ambition. So wie in den letzten Jahren immer mehr Autoren das Prekariat in den Blick nahmen und auf eine wahrhaftige Sprache aus waren – man denke nur an Thomas Melles Roman „3000 Euro“ oder Angelika Klüssendorfs Bücher „Das Mädchen“ und „April“ –, nähert sich auch Rausch in seinem Ton dem Schicksal von Absteigern und Verlierern an. Sein so lakonisches wie unprätentiöses Werk ist vor allem eine lesenswerte Milieustudie. Vergeltung wegen Gerechtigkeitsdrang – dies ist das Sinnbild einer aus dem Lot geratenen Gesellschaft. Eine provokante Gegenwartsdiagnose!

Jochen Rausch: Rache. Stories. Berlin Verlag. 288 Seiten, 19,99 €.

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