Kultur : Rachegöttin

Edita Gruberova singt Bellinis „Norma“ in Berlin

Frederik Hanssen

Die eigentliche Sensation besteht darin, dass sie überhaupt da ist: Selten, viel zu selten war Edita Gruberova in den vergangenen Jahren in Berlin zu erleben. Ein Liederabend in der Staatsoper 1995, einer in der Deutschen Oper 2002, einige wenige „Lucia“- und „Puritani“-Aufführungen an der Bismarckstraße, öfter ließ sich die große Koloratursopranistin nicht in die Hauptstadt locken. Wenn die 61-jährige Slowakin nun in der Philharmonie in ihrer derzeitigen Paraderolle zu erleben ist, als Bellinis „Norma“, so ist das Peter Schwenkow zu verdanken. Der Chef der Deutschen Entertainment AG setzt mittlerweile auf Klassik statt Rock, organisiert die Open-Air-Spektakel mit Anna Netrebko, Lang Lang und Co. und testet mit diesem Abend die Möglichkeit aus, als unsubventionierter Veranstalter mit konzertanten Opern Geld zu verdienen.

Preise von bis zu 218 Euro können echte Fans nicht abschrecken. Sie bejubeln die „Casta Diva“-Arie, auch wenn Edita Gruberova inzwischen hörbar Probleme mit den schnellen Koloraturkaskaden hat. Doch was zählt das bei einer Sängerin, die wie keine Zweite einer Rezitativzeile, einer Belcanto-Kantilene dramatische Tiefe und Vielschichtigkeit zu verleihen weiß? Die über 1001. Klangfarbennuance gebietet, ins virtuose An- und Abschwellen eines einzigen Tones den ganzen Seelenschmerz einer verlassenen Frau zu legen vermag, die, wenn sie im 2. Akt zur Rachegöttin wird, so gleißende vokale Blitze schleudern kann.

Edita Gruberova gehört nicht zu den Stars, die sich mit Mittelmaß umgeben, um heller zu leuchten. Silvia Tro Santafé ist eine ebenbürtige Konkurrentin um die Liebe des Pollione (und des Publikums), ihre Adalgisa hat das bebende Herz eines jungen, rückhaltlos liebenden Mädchens. So gerät das Duett der grundverschiedenen Frauen zum Höhepunkt des Abends, das bis dahin unter der Leitung von Andriy Yurkevych höflich begleitenden Orchester der Deutschen Oper wird endlich vom Puls der Leidenschaft erfasst, der zu Beginn mit wuchtiger Attacke auftrumpfende Aleksandrs Antonenko zügelt seinen beeindruckenden, hell-heldischen Tenor, schmiegt sich in den empfindsamen Gesang seiner Partnerinnen und des bestens präparierten Ernst-Senff-Chores ein. Norma steigt auf den Scheiterhaufen und das Publikum erhebt sich von den Sitzen: Viva la Diva! Frederik Hanssen

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