Rachel Cusks Roman "Transit" : Bloß nicht anders sein

Ausdrucksstarkes Mosaik: In ihrem neuen Roman „Transit“ schildert Rachel Cusk in lebhaften Bildern die Unwägbarkeiten des Lebens.

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Die Schriftstellerin Rachel Cusk, hier bei einer Preisverleihung 2015 in Toronto.
Die Schriftstellerin Rachel Cusk, hier bei einer Preisverleihung 2015 in Toronto.Foto: Fred Thornhill/REUTERS

Ein altes Haus zu kaufen, ist ein Abenteuer. Der Kampf mit den Handwerkern, die versteckten Mängel, die streitlustigen Nachbarn, die Geldnöte, das Leben auf einer ewigen Baustelle: Stoff für einen Roman mit Gruselfaktor, wie ihn etwa Herrad Schenk in „Das Haus, das Glück und der Tod“ vor 20 Jahren geschrieben hat. All diese thematischen Versatzstücke finden sich auch in dem neuen Roman von Rachel Cusk, „Transit“, doch das erwartete Katastrophenszenario nimmt eine unvermutete Richtung.

Die Schriftstellerin Faye, bekannt schon aus dem 2016 auf Deutsch erschienenen Roman „Outline“, hat sich eine solche Bruchbude angetan, weil ein Freund ihr geraten hatte, lieber ein schlechtes Haus in einer guten Gegend zu kaufen als umgekehrt. Gerade hat sie sich von ihrem Mann getrennt und ist mit ihren beiden Söhnen nach London zurückgekehrt. Nun sitzt sie entweder auf einer „Goldgrube“ oder einem „Geldgrab“, wie ihr Bauunternehmer orakelt, wo Fußböden herausgerissen und Wände und Fenster erneuert werden müssen von Arbeitsmigranten aus Albanien und Polen, und wo man von der einen zur anderen Zimmerhälfte nur noch über Holzstege gelangt, ständiger „Transit“ halt.

Doch das scheinbar nur im Basalen angesiedelte und den Buchtitel gebende Motto wölbt sich als Spruchband über dem gesamten Text, der als „Roman“ nur durchgeht, wenn man die unendlichen indirekten Redeergüsse, die handlungsarmen Momentaufnahmen im Kopf übersetzt in eine Reihe von filmischen Sequenzen. Schauplätze sind die heimische Baustelle, Fayes Friseurladen, ein Literaturfestival oder diverse Abendeinladungen, wo Faye immer wieder zufällig auf Menschen trifft, die von ihrem Geschick erzählen und den Momenten, in denen sich ihr Leben verändert hat, ohne dass sie sich dessen bewusst waren. Sie sei empfänglich für die Deutungen des Himmels, versichert ihr die Astrologin aus dem Netz, die Faye gerade deshalb als nicht bedrohlich empfindet, weil sie vermutlich einem Computerprogramm entsprungen ist. So ähnlich funktioniert Faye auch als Zuhörerin: neutral, nicht mehr als ein Filter, in den sich der Strom des Lebens ergießt und bündelt.

Das Leben in der Fremde sorgt für Veränderung. Und Einsamkeit

Gerard beispielsweise, ihr Ex-Geliebter, dem sie in der Nachbarschaft wiederbegegnet, erzählt ihr von seiner Übersiedlung nach Toronto. Den vorgeblich selbstbestimmten Entschluss empfindet er als Schuld: „Es fühlte sich falsch an, ein ganzes Leben auf eine einzige Entscheidung zu gründen.“ Gleichzeitig verursacht er völlig unbeabsichtigt die entscheidende Veränderung im Leben seiner späteren Frau, als er ihren Hund im Gewühl der Großstadt verliert. Vorbestimmung? Fügung? Oder ein sich hinter unserem Rücken vollziehender Wille?

Wie schon in „Outline“ ist die Fremde auch hier Ausgangspunkt für Veränderung und Stabilität, nur „Abfallprodukt des Risikos“. Das gilt für Gerard ebenso wie für Dale, Fayes Friseur, der seinen schwulen Neffen bei sich aufnimmt und damit seine Freiheit aufgibt, oder Julian, den Autorkollegen, der mittels narzisstischer Selbstentblößung die Deutungshoheit über seine Vergangenheit zu gewinnen versucht. Indem er sich der Sprache aussetzt und lernt, sie zu kontrollieren, verfügt er über „eine Waffe, einen äußeren Verteidigungsring“. Seine schreckliche Kindheit wird überformt von einem Narrativ, einer Benutzeroberfläche wie die Metropole London, in der sich auch niemand erklären muss.

Cusks Annäherung an das Schicksal anderer ist vom Misstrauen in alles Festgeschriebene geprägt

Hinter dem Bemühen, Beständigkeit herzustellen oder dem Provisorischen zumindest einen Sinn abzutrotzen, steckt die Angst vor Einsamkeit. „Warum können wir nicht normal sein?“, beschwert sich einer von Fayes Söhnen. „Warum muss bei uns immer alles anders sein?“ Eine ihrer Studentinnen aus dem Kreativen Schreibkurs geht auf Reisen, um Abstand zu gewinnen, verfehlt sich bei jeder zufälligen Begegnung jedoch immer selbst. Die Freundin Amanda ist auf der Suche nach etwas, das nur in ihrem Kopf existiert und landet in einer Adoptionsvermittlungsstelle. Pavel, der polnische Handwerker, ist von Heimweh zerfressen, während ein Schreibkurs-Teilnehmer sich auf einen arabischen Jagdhund verlegt, ein Tier absoluten Gehorsams. Selbst die bösartigen Attacken von Fayes Hausbewohnern Paula und John, ihre negative Energie und zerstörerische Kraft, entspringen dem Wunsch nach perverser Gemeinschaft: Der Hass dieser Leute auf sie, sinniert Faye, sei so rein, dass er zwischendurch fast in Liebe umschlage. Einsamkeit dagegen ist, „wenn nichts haften bleibt.“

Das Buchcover, Ausschnitt.
Das Buchcover, Ausschnitt.foto: Suhrkamp

Cusks Annäherungen an die Schicksale und Krisen anderer Menschen und deren narrative Vereinnahmung ist von einem tief verwurzelten Misstrauen begleitet: Die Vorstellung, das eigene Leben könnte etwas Festgeschriebenes sein, resümiert ihr Alter Ego, sei sehr verlockend, bis man merke, dass sie andere Menschen auf Romanfiguren reduziere. Sich auf diese Weise auch als Geschichtenerzählerin immer auf Abstand haltend und sich und das „Drehbuch“ hinterfragend, geht es Cusk gerade nicht um das Narrativ, sondern um „die Muster in den Ereignissen und ihre Wahrheit“. Diese freizulegen, sei aber nicht möglich, solange man an „Identität glaube oder so persönliche Kategorien wie Gerechtigkeit, Ehre oder Rache“.

Rachel Cusk zeichnet lebhafte Bilder, ein ausdrucksstarkes Mosaik

Mit solchen Passagen beweist sich die in England lebende Autorin einmal mehr als Nachfahrin der großen aphoristischen Tradition. „Transit“ wirkt zwar noch verkürzter und konzentrierter als „Outline“ und auf die Dualismen des Lebens fokussiert. Doch mehr als im ersten Teil der geplanten Trilogie stellen sich lebhafte Bilder ein, ausgefüllt und zum Laufen gebracht von sehr genauen Beschreibungen. Kein Film des Lebens, aber ein ausdrucksstarkes Mosaik.

Rachel Cusk: Transit. Roman. Aus dem Englischen von Eva Bonné. Suhrkamp Verlag, Berlin 2017. 238 Seiten, 20 €

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