Kultur : Rachengold

Sophie Hunger startet ihre „Berlin-Tour“.

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Kein Konzertveranstalter mag es, wenn ein Künstler sich in derselben Stadt binnen einer Woche jeden Abend von einem anderen konkurrierenden Auftrittsort buchen lässt. Doch für die gefragte Schweizer Musikerin Sophie Hunger machen sie gerne eine Ausnahme. Es war von vornherein klar: Alle Konzerte wären lange im Voraus ausverkauft. Und für Sophie Hunger und ihre Band ist ihre einwöchige „Berlin-Tour“ ein aufregendes Konzept der Variationen einer Stadt: Jazzclub, Rockbühne, Kino, Theater, bestuhlt, unbestuhlt, Westen, Osten – von kleinem Schuppen bis zum großen Saal.

Los geht es im Quasimodo. Die winzige Bühne ist vollgepackt mit einem Arsenal von Instrumenten: Keyboards, Konzertflügel, Cello, Glockenspiele, Trompeten, Schlagzeug, Gitarren und Verstärker. Man fragt sich, wo hier eigentlich noch die Musiker dazwischenpassen sollen. Aber sie passen. Trefflich passen sie zusammen, und jeder kennt seinen Platz genau im großen Gefüge einer grandiosen Band, dicht aufeinander eingestimmt.

Mittendrin sitzt die zierliche Sophie Hunger im weißen Kleid, hackt einen bassigen Lauf mit Links in das große Piano, jagt ihre bissige Stimme hinterher, fast panisch um einen monotonen Ton herum: „Rererevolution“. Bis die rechte Hand dazukommt mit einer melodischen Variante, und die Band: mit schweren, elegischen Cellostrichen von Sara Oswald. Auflösung und Erlösung in poppigem Wohlklang. Sophie wechselt zur akustischen Gitarre und rauchigem Moll. Die samtige Jazzballade „Can You See Me?“ geht über in blaufingrige Gitarrenakkorde: „Shape“. Bassist Simon Gerber tutet kratzige Klänge aus einer Klarinette und singt in traumhaft harmonischem Schwyzerdütsch ein Duett mit Sophie, bei der die Rachenlaute mit „ch“ so besonders charmant klingen. Wie es überhaupt zu ihren großen Stärken gehört, ihren poetischen Sätzen in den unterschiedlichen Sprachen Englisch, Deutsch und Französisch gleichermaßen einen faszinierenden Klang zu geben.

Kling-klang machen die Glockenspiele. Und der brillante Alexis Anérilles bläst zwischendrin gedämpften Bebop auf dem Flügelhorn oder funkelt an den Tasten mit Brubecks ungeraden Metren oder Monks berauschenden Schrägheiten. Sophie spielt eine zuckende elektrische Gitarre und singt eine betörende Version von „Le Vent Nous Portera“ der französischen Band Noir Désir. Und schließlich versammeln sie sich zu viert vor einem Mikro, um allein zur Schlagzeugbegleitung von Alberto Malo „Z’Lied vor Freiheitsstatue“ zu singen. Das sollte das Ende sein, aber es folgen noch sieben Zugaben. Walzer, Bo-Diddley-Beat, Swing, Harmonikakreischen. Faszinierende Vielfalt und Dynamik. Triumphaler Auftakt für fünf weitere Konzerte in der Stadt. Für das vom Heimathafen ins Huxley’s verlegte Konzert am Donnerstag gibt es sogar noch Karten. H.P. Daniels

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