Kultur : Radaubrüder, zur Sonne!

Die Club Transmediale lässt sich auf den Rock ein – und das Publikum bekommt mächtig Dresche

Volker Lüke

Die Widersprüche geraten ins Tanzen bei der spannendsten und aufregendsten Musikreihe der Stadt: Auch 2007 haben die Veranstalter der Club Transmediale ein mutiges und offenes Programm auf die Beine gestellt, das die ursprünglich als Begleitprogramm zum Medienkunstfestival Transmediale gedachte Veranstaltungsreihe für neun Nächte zu einem Ort macht, von dem niemand wissen kann, ob er sich dort aufgehoben fühlen kann. Ein sinnlicher Spielplatz für Klangabenteurer, die unter dem Motto „Building Space“ den raumgreifenden Charakter ihrer Klangkunst präsentieren – eine Musik, die in den ersten Tagen mehr denn je Elemente der Rockmusik, insbesondere des Extreme Metal, aber auch Aktionstheater miteinbezog und nochmals verdeutlichte, warum man im letzten Jahr das „Electronic Music“ aus dem Titel gestrichen hat.

In der Volksbühne ging’s los: Als kleine Sensation waren dabei die Sun City Girls aus Seattle angekündigt, die sich bei ihrem ersten Auftritt in Europa in einen nervigen Hippie- Sound verhedderten, der immer kurz davorstand, in albernen Klamauk abzukippen. Da sich auch der Auftritt der Elektronikerin Mira Calix als langweilige Spielbergerei entpuppte, musste der Abend durch den Franzosen Pierre Bastien gerettet werden, der sich aus Metallbaukasten-Elementen wundervolle Klangmaschinen baut.

Maschinenmusik der „anderen Art“ gab es im Maria von den Techno-Veteranen „Underground Resistance“ aus Detroit. Abwechselnd mit ultracoolen DJs, präsentierte sich ihr Gründer „Mad“ Mike Banks mit einer Live-Band, die mit futuristischen Funk-Beats und unheilvollen Synthie-Klangflächen die Situation der todgeweihten Wirtschaft der Autostadt widerspiegelte.

Ihr düsterer Revolutionsgestus verbindet sie mit den Radaubrüdern, die sich gleichzeitig auf der kleinen Bühne der Maria eine drastische Musik zusammenhäckselten, die die Errungenschaften von Aphex Twin und Napalm Death in ungeahnte Höhen der babylonischen Break-Verwirrung schraubt: Gabba, Jungle, Metal, Grindcore, Industrial, HipHop, alle Versatzstücke auf das Wesentliche reduziert, das Schnelle, das Laute und Fiese. Bereits zum vierten Mal fand hier die im Festival eingebettete Breakcore-Reihe „Wasted“ statt: Der unvergleichliche Jason Forrest erwies sich einmal mehr als echte Rampensau und haute dem Publikum seine hochenergetischen Frickel-Beats mit 200 BPM um die Ohren.

Dabei ging der nackte Wahnsinn erst danach so richtig los, als vier tätowierte Typen in durchsichtigen Sanitäts-Unterhosen über die Bühne stolperten, billiges Parfüm versprühten, sich gegenseitig mit Schokomilch übergossen, ableckten und Stöpsel in die Polöcher steckten, um eine Wäscheleine zu spannen, zu einer Rüpel-Musik, die an Rammstein auf Juckpulver erinnerte. Fuckhead nennen sich die Radikal-Performer aus Linz, die mit einem ungebrochenen Verhältnis zur Selbstbesudelung des Wiener Aktionismus alle denkbaren Formen einer Bürgerschreck-Bühnenshow durchexerzierten. Der Schock als Wert an sich: wer hätte gedacht, dass dieser pubertäre Quatschkram wieder ausgegraben wird?

Dem konnte nur mit echter Härte begegnet werden – mit einem Sturmangriff auf die Trommelfelle und coole Konsumentenmentalität von Metal-Freaks, die auf den Nervenkitzel spekulieren. Greg Anderson von den Drone-Metal-Göttern Sunn O))) am Bass und der australische Gitarrist Oren Ombarchi steigerten sich unerträglich langsam, wie man es bei schwierigsten Gymnastikübungen tun muss, während der ungarische Extrem-Vokalist Attila Csihar im Kartoffelsack von den Seelenqualen eines ohnmächtig Verdammten röchelte.

Dabei geht es noch härter, wie anschließend die Formation Jazkamer des norwegischen Elektro-Bastlers Lasse Marhaug beweisen konnte: Mit einem infernalischen Hochgeschwindigkeitslärm aus bulligen Rückkopplungen und kreischender Elektronik führten sie die Rockmusik zu einem entwurzelten Ende, zerschlugen ihre Gitarren auf einem Felsblock zu allerkleinstem Kleinholz und feierten das Zerbersten als äußerste Form der musikalischen Befreiung – was für eine Symbolhaftigkeit für das einstige Festival für elektronische Musik, das sich gerade erst mit der Rockmusik eingelassen hat, die hier nur mehr ein Wort aus der Vergangenheit ist.

Infos: www.clubtransmediale.de

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