Kultur : Radiale Systeme

Rüdiger Schaper über einen bemerkenswerten Boom

Kulturpolitik ist schick. Kulturpolitik machen jetzt alle – bis in die Spitze der Bundesregierung. Kürzlich hielt Bundeskanzlerin Angela Merkel in der Münchner Zentrale des Goethe-Instituts eine weltkulturell aufgeladene Rede, kurz danach zeigte sich Außenminister Frank-Walter Steinmeier im Berliner Radialsystem auf einem Kulturabend, was er, das muss man ihm lassen, öfter tut. Und worin er sich angenehm von seinem Vorgänger unterscheidet; der war der Kultur und dem Goethe-Institut nicht besonders grün.

Der kulturpolitische Run geht jetzt erst richtig los. Ende Oktober treffen sich in Berlin sämtliche Kulturstaatsminister, die die Republik je hatte, um das zehnjährige Jubiläum des mit einem Mal so attraktiven Amtes zu feiern. Bernd Neumann, der CDU-Mann, richtet diesen Gipfel aus, was wiederum die SPD nicht ruhen lässt. Sie macht am Montag das ganz große Fass auf: „Hauptsache Kultur“ nennt sich ihre Veranstaltung im Jüdischen Museum, die höher nicht besetzt sein könnte. Gerhard Schröder wird sprechen und der Kanzlerkandidat Steinmeier, Günter Grass, Ingo Schulze und Gesine Schwan wollen diskutieren, die drei sozialdemokratischen Ex-Kulturstaatsminister Michael Naumann, Julian Nida-Rümelin und Christina Weiss denken über „Zehn Jahre Bundeskulturpolitik“ nach. Die FDP indessen fordert die Einrichtung eines vollwertigen Bundeskulturministeriums, während in der vergangenen Woche von Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse zu hören war, dass der nächste Kultur(staats)minister wieder ein Sozialdemokrat sein sollte.

Was für eine Entwicklung! Kultur als Wahlkampfauftaktthema! Kultur als Staatsziel ins Grundgesetz, diesen Unsinn hört man auch immer wieder. Früher war Kulturpolitik das fünfte Rad am Dienstwagen, heute wollen die Parteien einander auf diesem Gebiet ausstechen. Das liegt wohl doch an Berlin, das viel Kulturbetrieb und außerdem nicht so viel Auftrieb hat; an einer Hauptstadt, in der „La Traviata“ beliebter ist als Hertha BSC und deren Regierender Bürgermeister auch noch den Kultursenator gibt. Man gönnt sich ja sonst nichts.

Und wer soll die widersinnige, anachronistische, überteure, nie zu Ende gedachte Rekonstruktion des Stadtschlosses retten? Kultur selbstverständlich, in diesem Fall die außereuropäische. Vielleicht ist ja ganz Berlin eine temporäre Kunsthalle – mit politischen Ausstellern.

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