Radialsystem : Auf die Sprünge

90 Künstler, 9100 Kinder: Das Schulprojekt Tanz-Zeit feiert Geburtstag im Radialsystem

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Wir sind eine Jugendbewegung. Fünf Jahre Tanz-Zeit: Schüler proben für den Auftritt im Radialsystem. Foto: Davids
Wir sind eine Jugendbewegung. Fünf Jahre Tanz-Zeit: Schüler proben für den Auftritt im Radialsystem. Foto: DavidsFoto: DAVIDS

Lauter kleine Satelliten kreisen in der Turnhalle der Regenbogen-Grundschule in Neukölln. Doch hier wird nicht etwa der Lena-Song geträllert. Eine der Aufgaben für die Schüler der sechsten Klasse lautet vielmehr, sich wie Planeten um die eigene Achse zu drehen oder einen anderen wie ein Satellit zu umschwirren. In der Neuköllner Schule wird Tanz unterrichtet – von professionellen Tänzern und Choreografen. Ermöglicht wird dies durch „TanzZeit – Zeit für Tanz in den Schulen“, einem der erfolgreichsten Projekte für kulturelle Bildung in Berlin.

„Jeder findet seine eigene Art zu drehen“, ruft der Tänzer Ulrich Huhn den 23 Schülern zu, deren Eltern allesamt aus dem Ausland stammen. Huhn, der früher beim Ensemble Neuer Tanz engagiert war, unterrichtet die Klasse schon seit drei Jahren. Er kennt seine Pappenheimer, weiß, wem er auf die Sprünge helfen muss oder wer sich gern mal ausklinkt aus der Gruppe. Vor zwei Jahren ist Francisco Cuervo dazugestoßen. Den Spanier mögen die Mädchen besonders gern, Huhn kann dafür gut mit den Jungs. An diesem Morgen haben die beiden Tänzer aber ihre liebe Not, die 12-Jährigen bei der Stange zu halten. „Schaut Euch an, achtet auf euch“, leitet Huhn die Schüler an. Denn die Planeten-Sequenz ist in erster Linie eine Wahrnehmungsübung. Es geht darum, sich selbst, den eigenen Körper zu erspüren und gleichzeitig aufmerksam zu sein für den anderen. Fähigkeiten, die nicht selbstverständlich sind.

Es geht aber auch darum, die unbändige Energie der Kinder in Bahnen zu lenken. Um Regeln und Freiheit. Geprobt wird für eine Aufführung im Radialsystem. Zum fünften Geburtstag der Tanz-Zeit treten 30 Berliner Klassen bei den Werkstattpräsentationen auf. Noch ist Huhn die Performance seiner Schüler nicht wild genug. „Hey, nicht so lahm! Körperspannung!“, feuert er sie an. Doch er ist sich sicher: „Auf der Bühne werden sie eine gute Energie an den Tag legen!“

Im Studio B des Radialsystems probt derweil Livia Patrizi mit der Tanz-Zeit-Jugendcompany das Stück „Brief an L.F.“. Die Jugendcompany wurde gegründet, um besonders motivierten und talentierten Jugendlichen die Chance zu bieten, weiter unter professioneller Anleitung zu arbeiten. Die 17-jährige Lisa, die das Heinrich-Schliemann-Gymnasium besucht, hat dort an der ersten Tanz-Zeit-Klasse teilgenommen. „Viele haben sich komplett verschlossen und nur widerstrebend mitgemacht“, erinnert sie sich, „nur wenige waren mit Elan und Begeisterung dabei.“ Lisa aber hat die Tanzlust gepackt. Und der Ehrgeiz. Mittlerweile hat sie schon diverse Auftritte mit der Jugendcompany absolviert, ihre Mitschüler bewundern sie dafür. Die jungen Tänzer haben eine wichtige Vorbildfunktion übernommen“, sagt Patrizi. „Wenn Schüler ihre Auftritte sehen, wirkt das ansteckend.“

In fünf Jahren haben die engagierten Tanz-Zeit -Mitstreiter viel bewegt. Das belegen schon allein die Zahlen: 88 Schulen aus allen Berliner Bezirken haben bereits an dem Projekt teilgenommen; mehr als 9100 Kinder aus allen Schichten wurden von 90 Künstlern unterrichtet.

Livia Patrizi ist die Initiatorin von „TanzZeit“ und mit Leib und Seele dabei. Die Italienerin ist eine begnadete Pädagogin, sie versteht es, die Kinder und Jugendlichen mitzureißen. Der zweifachen Mutter gelingt es spielend, sich auch bei türkischen Jungs Respekt zu verschafften. Es sei nicht unbedingt schwieriger, die Jungen zum Tanzen zu ermuntern, sagt sie. „Am Anfang sind zwar die Vorurteile noch sehr stark. Da leisten sie Widerstand, aber im Prozess ist es nicht komplizierter als mit den Mädchen.“

Mit Vorbehalten, ob religiöser oder kultureller Art, wird sie oft konfrontiert. Und mit Scham und Scheu haben nicht nur die Pubertierenden zu kämpfen. „Die Angst vor dem Körper ist immer da“, sagt Patrizi. Ihr ist auch bewusst, dass sie sich in einer hochsensiblen Zone bewegt, denn Tanz ist eine Beziehungskunst, er bedeutet Körperkontakt. „Ich habe in den Schulen erstaunliche Erfahrungen gemacht in puncto Berührung. Es ist schwer den Moment zu finden, wo man es einführt. Aber wenn man es tut, dann blühen die Schüler auf. Diese Art von Kontakt ist ja eine Kommunikation. Man braucht sie im Leben.“ Patrizis Engagement und Enthusiasmus haben sich ausgezahlt. In fünf Jahren ist das Projekt nicht nur stetig gewachsen, sondern auch die Akzeptanz von Seiten der Schulen ist größer geworden.

Seit Anfang dieses Jahres erhält die Tanz-Zeit zudem eine Regelförderung aus dem Bildungsetat. Das ist ein politischer Erfolg, der Patrizi besonders freut. Schließlich soll das Projekt keine Eintagsfliege bleiben. Bei den Expertengesprächen im Radialsystem liegt der Fokus diesmal auf dem Thema Nachhaltigkeit.

„Es ist schön zu sehen, was entstehen kann, wenn man länger mit den Kinder arbeitet“, schwärmt die Choreografin. Ob man mit ihr, mit Ulrich Huhn oder den anderen Künstlern redet: Alle berichten von den Fortschritten ihrer Schüler. Sie verhehlen aber auch nicht, dass sie bei der Arbeit manchmal an ihre Grenzen gelangen.

Huhn hat mit den Jungs zwei Duette mit Kampfbewegungen choreografiert. Tarek und Bakar gehen heftig aufeinander los, doch sie achten auch aufeinander. „Aggression gehört zur Realität“, sagt Huhn. „Hier geht es darum, ihr eine Form zu geben, sie kontrollierbar zu machen. Jedes der Kinder ist sich bewusst, was es tut. Sie wissen, es darf nicht weh tun.“

Das Tanzen ist gewiss kein Patentrezept, um soziale Fehlentwicklungen zu korrigieren. Doch es ist mittlerweile erwiesen, dass es Eigenschaften fördert, die Heranwachsende unbedingt brauchen. Mehr als 600 Schüler aus allen Schichten stürmen nun das Radialsystem. Das ist fast schon eine neue Jugendbewegung!

Werkstattpräsentationen bis 13. 6. im Radialsystem. Premiere der Tanz-Zeit-Jugendcompany „Brief an L.F.“: 11. 6., 11 und 20 Uhr.

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