Radialsystem : Jagd ohne Gewähr

Sasha Waltz und das Ensemble Moderne begeistern im Berliner Radialsystem. Nach atemlosen Schweigen bricht nach der Vorstellung der Jubel los.

Sandra Luzina

Wann hat ein Komponist seine Affinität zum Tanz so wunderbar gewitzt zum Ausdruck gebracht? "Ich sehe zwar nicht aus wie ein Tänzer, aber das ist nur äußerlich!" So bekennt Wolfgang Rihm, ein Mann von imposanter Gestalt, anlässlich der heiß erwarteten Berliner Premiere von "Jagden und Formen (Zustand 2008)". Sasha Waltz hat - im Dialog mit dem Komponisten - eine choreografische Fassung für die "Werklandschaft" entwickelt. Die Uraufführung fand im Mai dieses Jahres beim Festival "Frankfurter Positionen" statt.

Seit seiner Kindheit, so betont Rihm bei seiner Einführung im Radialsystem , schaffe er Musik aus physischen Impulsen. Er raunt von einer "orgasmischen Hintergrundstrahlung" und von "Deliranz" - und da ergriff auch das Publikum ein Schauer. Bei "Jagden und Formen", führt Rihm aus, handele es sich um ein wandelbares Opus. Es geht zurück auf sein Stück "Gejagte Form", das die Jagd nach ebenjener thematisiere. Seitdem hat er die Partitur ständig fortentwickelt, er selbst verglich sie mit einer Pflanze, die sich öffnet und neue Gestalten zulässt. Sasha Waltz hat nun die Partitur nicht einfach verdoppelt. Sie sucht nach strukturellen und energetischen Entsprechungen, sie nimmt die Impulse auf und verwandelt sie. Der Tanz unterwirft sich freilich nie der Musik, die bisweilen einem brodelnden Malstrom ähnelt.

Die Choreografie beginnt mit trockenem Witz, einem Bewegungsspleen à la Waltz. Die vier Frauen in steifen weißen Kleidchen, die zu dem virtuosen Violinduett am Beginn auftreten und den Geigern schon mal recht nahe treten - schütteln ihre Hände, nicken mit dem Kopf, wirken wie defekte Aufziehpuppen. Die tolle Renate Graziadei im schwarzen Anzug bildet eine Art Kontrapunkt zu dem Quartett, sie ist der Joker, der immer wieder ausschert.

Sasha Waltz ist sich treu geblieben

Gestaffelt kommen die Musiker des 24-köpfigen Ensemble Modern zum Einsatz, unter dem präzisen Dirigat von Franck Ollu treten sie solistisch und als Instrumentalgruppe hervor. Antje Thierbach wird von drei Tänzern emporgehoben und schwebt mit ihrem Englischhorn über die Bühne. Auch das 14-köpfige Tänzerensemble wird von Waltz untergliedert. Sind anfangs noch Frauen und Männer, die weißen und die farbig Kostümierten getrennt, so kommt es rasch zur Vermischung.

Die Spannung zwischen Energie und Form, hier wird sie erfahrbar als ein wechselndes Verfestigen und Verflüssigen der Bewegungen. Zwischen Drill, Drang und Delirium oszillieren die Szenen. Den weißen Mädchen mit dem Tick folgen ein schlaksiger Jüngling, der ins Mäandern verfällt. Ein Reitertrupp stürmt auf die Bühne, wobei einer der Jäger im Überschwang hochgewirbelt wird.

Sasha Waltz ist sich treu geblieben: Viele ihrer Motive, etwa ihre Vorliebe zu "Clustern", lassen sich wiedererkennen. In Analogie zu den Klangballungen schafft sie kompakte Körperknäuel. In einem Duett knotet Lisa Densem ihre Füße um den Hals ihres Partners, wie eine Boa Constrictor. Waltz zeigt Verkettungen, die auf menschliche Verstrickungen verweisen, sie spielt aber auch mit der Verdichtung und Streuung von Energie. Zum musikalischen Crescendo steigert sich der Galopp der Jäger schließlich zu einer Raserei der Gejagten. Die Tänzer wirbeln in einem Drehdelirium über die Bühne, bis sie zusammenbrechen - Anspielungen an das rauschhafte Ritual von Strawinskys "Sacre du Printemps".

Der Tanz gewinnt immer mehr an Furor und physischer Vehemenz. Waltz macht die hochenergetische Musik sinnlich erfahrbar, doch sie lässt auch Raum für Assoziationen. Behutsam hat sie die Musiker des Ensemble Modern in die Choreografie integriert, sie wechseln die Haltung, gehen zu Boden, gesellen sich zu den fallerprobten Tänzern und spielen einen liegenden Ton. Die Ruhm vor dem herannahenden Sturm.

Dem Klangtumult der Rihm'schen "Jagden und Formen" setzt Sasha Waltz den Aufruhr der Körper entgegen. Nach 60 atemlosen Minuten bricht im Radialsystem der Jubel los.

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