Kultur : Radikale brauchen Humor

Vor dem deutschen Filmpreis: Gipfeltreffen der Regisseure – mit Dani Levy, Volker Schlöndorff und Hans Weingartner

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Herr Schlöndorff, Sie wollten als 16Jähriger nicht nur Filmemacher werden, sondern die Welt verbessern. Und Herr Weingartner, Sie sagten einmal, Sie wollten mit Filmen zumindest sich selbst verändern. Wie halten Sie alle es mit dem Idealismus?

VOLKER SCHLÖNDORFF: Lieber würde man ja die Langeweile abschaffen als die Ungerechtigkeit, aber das ist halt schwieriger. Ich habe nie geglaubt, dass ich die Ungerechtigkeit mit Filmen abschaffen kann. Aber ich sehe gerne Filme, in denen es um etwas geht. Solches Futter versuche ich auch herzustellen. Möglichst in Schokolade eingewickelt, wie Billy Wilder sagt. Damit die Leute es nicht merken.

DANI LEVY: Vielleicht sind wir nicht ausgezogen, die Leute das Fürchten zu lehren, sondern um das Fürchten erträglicher zu machen. Für mich ist das Kino nicht nur Kommerztempel, sondern immer auch moralische Anstalt – um mit Menschen über Dinge zu kommunizieren, die uns beschäftigen. Auch wenn ich manchmal am Publikum vorbeigeschossen habe: Selbst meine privatistischsten Filme sind politisch, auch im Mikrokosmos der Liebesbeziehung. Das Bett ist für mich einer der politischsten Orte.

SCHLÖNDORFF: Für die Achtundsechziger war die Kommune 1 auch wichtiger als die Straßendemos.

HANS WEINGARTNER: Ich bin in einer Zeit groß geworden, in der es hieß, dass Filme nichts bewirken können. Mein glücklichster Moment in diesem Jahr war, als ich im Internet las, dass Maskierte in Hamburg ein Luxusrestaurant stürmten, auf deren T-Shirts „Die fetten Jahre sind vorbei“ stand. Wenn der Film von der Leinwand runterspringt und in die Realität eintaucht, ist das gigantisch.

Was ist dann der Impuls fürs Filmemachen: die Wut?

WEINGARTNER: Ich kann mir zwei Jahre Produktionsstress nur antun, die ganze Schreierei, den Kampf, die Nächte im Schneideraum, wenn ich für etwas brenne. Bei mir muss es um Gerechtigkeit gehen. Jeder Mensch schreit, wenn ein Unrecht passiert, wir sind soziale Wesen. Nur deswegen hat der Mensch überlebt, während der Neandertaler ausstarb. Der war ein totaler Egoist.

Burghart Klaußner sagt in „Die fetten Jahre“ einmal zu den Jüngeren: Eure Argumente erinnern mich an damals. Geht es Ihnen auch so, Herr Schlöndorff?

SCHLÖNDORFF: (lacht) Natürlich. Früher hat uns das Publikum die Filme aus der Hand gerissen. Bei „Deutschland im Herbst“ etwa war der Kinobesuch Teil einer Demonstration. In jeder Kunst steckt ein Stück Aufklärung. Weingartner hat Recht: Wenn man so viel Energie aufbringt, muss man entweder geldgeil sein oder an etwas glauben. In den politisierten siebziger Jahren gab es eine Art Gerechtigkeitsfimmel: Man ging auf die Straße, es kam zu Zwischenfällen, und das empfand man als noch größeres Unrecht. Die Empörung über das Unrecht ist ein unglaublich kraftvoller Stoff.

In „Die fetten Jahre“ ist eher eine Art Sponti-Guerilla in Aktion.

SCHLÖNDORFF: Man will sich eben nicht mit allem abfinden, nur weil der Sozialismus gescheitert ist. Das Modell von vor 30 Jahren gibt es nicht mehr, aber das Unbehagen ist da.

WEINGARTNER: Auch „Der neunte Tag“ fragt, was ist Gerechtigkeit, wofür muss ich kämpfen, was ist Idealismus. Es ist traurig, dass Schlöndorffs Film so wenig Zuschauer hatte, ich fand den Film spannend und unterhaltsam.

SCHLÖNDORFF: Das ist es, was ich die Schokolade nenne. Anstrengung hält man aus als Zuschauer, aber man will nichts sehen, was einem weh tut. Wenn ich in „Der neunte Tag“ länger in das Gesicht von Uli Matthes als KZ-Insasse gucke, weiß ich: Das wird mir weh tun. Ich hab den Film für wenig Geld und in kurzer Zeit gedreht. Da sind 50000 Besucher, die sich gezielt damit auseinander setzen, schon in Ordnung.

LEVY: Ich glaube, die Zeit läuft in Zyklen ab. Im Augenblick sind wir wieder am Anfang der Sixties. Hochglanz- und Spaßkino dominiert den Markt, aber die Leute misstrauen der Politik, fühlen sich hilflos und unterworfen. Jetzt „Die fetten Jahre“ zu sehen: Das war so ein „Na-klar!“-Gefühl. Ich glaube, bald wird es nur so regnen von politischen Filmen, es wird ein neues Bewusstsein geben. In was für einer egozentrischen Einöde leben wir! Alle alternativen Modelle, Kooperativen und WG’s sind verschwunden. Die Ich-AG ist das Symbol unserer Zeit.

Und in ein paar Jahren kommt 68 wieder?

SCHLÖNDORFF: Wir sind nur die Sensometer. Schon ein Blick ins Fernsehprogramm zeigt, wir haben die letzten 15 Jahre in den fünfziger Jahren verbracht. Das ist das alte Schnulzenkartell.

WEINGARTNER: Die systematische Verblödung durch das Fernsehen macht auch das Kino und die Kultur kaputt. Die Leute spüren, etwas stimmt nicht mehr. Sie halten die Kälte nicht mehr aus, die der globale Kapitalismus verbreitet. Noch kaufen sie all die Produkte, die sie im Fernsehen sehen, obwohl die sie nicht wärmen. Aber nicht mehr lange.

Kommt das nicht etwas plötzlich für Sie alle: so synchron zu einer sich verändernden Gesellschaft zu sein?

SCHLÖNDORFF: Bei der Filmakademie war das so ein Effekt: Man denkt, man ist alleine mit seinem Ernst, und auf einmal sind ganz viele da. Auch Komödien werden mit großem Ernst gemacht. Der Hunger nach Sinn ist uns nicht auszutreiben.

LEVY: Man muss die Revolution unterhaltsam machen.

SCHLÖNDORFF: Das hat Fritz Teufel auch immer gesagt.

LEVY: Ich habe in Peter Biskinds „Easy Riders, Raging Bulls“ gelesen, wie die Sex’n’Drugs’n’Rock’n’Roll-Generation Hollywood rettete. Die Filme – von „Taxi Driver“ bis „Apocalypse Now“ – haben höchstes Unterhaltungsniveau und einen unglaublich erotischen Appeal. Das sind Bauchfilme, keine Kopffilme. In Deutschland fehlt das heute.

SCHLÖNDORFF: Emotion und Intelligenz schließen sich nicht aus. Der Vorwurf, ich mache Kopffilme, begleitet mich seit 40 Jahren. Aber wir haben nun mal einen Kopf, der will genauso bedient werden wie der Bauch.

Wie halten Sie es denn mit dem Publikum und dem Humor? Lässt sich Erkenntnis heute besser über Komödien vermitteln?

WEINGARTNER: Wenn die Radikalen ihren Humor verlieren, wird es immer gefährlich. Aber in Sachen Ironie bin ich immer noch total am Schwimmen. Was ich kann, sind Emotionen. Ich hab dieses Bauch-Ding, vielleicht, weil ich in der Natur aufgewachsen bin.

SCHLÖNDORFF: Wie der Neandertaler, den du erwähnt hast! Bei mir ist das eine Art Spiel: Damit die Arbeit noch Spaß macht, lege ich die Latte immer höher. Man versteckt vielleicht sein idealistisches Weltbild, aber aufgeben tut man’s nicht. Dass unsere Filme so viele Nominierungen haben, liegt wohl auch daran, dass diese 600 Akademie-Mitglieder, unser Berufskreis, sich sehnen nach dieser anderen Art Film. Aber Dani, wolltest du bei „Alles auf Zucker“ diesmal bewusst ans Publikum heran?

LEVY: Dann hätte ich mir bestimmt keine Juden als Helden gewählt. Ich bin selber völlig überwältigt, dass die Deutschen in eine jüdische Komödie strömen. Ulkige Situation: Ich drehe seit 20 Jahren Filme, und plötzlich kommt so’n kleiner „Zucker“-Film und macht mehr Zuschauer als alle meine sieben Spielfilme davor zusammen. Dabei habe ich mich jedesmal ums Publikum bemüht.

WEINGARTNER: Bei „Die fetten Jahre“ dachte ich, der Film kommt mit maximal acht Kopien ins Kino und läuft drei Wochen, der interessiert niemanden. Dass er dann in Cannes im Wettbewerb lief und jetzt in 50 Ländern, kann ich kaum begreifen. Jetzt denke ich: Es sind die coolen Leute, die da reingegangen sind. Es gibt doch noch genug coole Leute.

Das letzte Jahr hat uns viele Geschichten über den Nationalsozialismus beschert, die Hälfte der für den Filmpreis nominierten Filme handelt davon. Ein echter Themen-Mainstream.

SCHLÖNDORFF: Als Künstler möchte man lieber Solitäre herstellen. Also ist das erst mal eher unangenehm. So viel Kaffeesatz gibt es gar nicht, aus dem man herauslesen könnte, warum diese Zeit plötzlich angesagt ist.

Es gibt das Datum: 60 Jahre Kriegsende.

LEVY: Ich hatte das Thema von „Alles auf Zucker“ schon 1996 im Kopf. Dann dreht man irgendwann, und parallel entsteht zufällig „Der Untergang“. Plötzlich kamen aus der ganzen Welt Anrufe, und „Alles auf Zucker“ und „Der Untergang“ wurden zum Konträr-Diskussionsthema. Beide Filme sind auch in ihrer Mentalität völlig verschieden. Da ist der kleine, chaotische, sehr improvisiert gedrehte Film über Juden heute. Und da ist das präzis und virtuos gearbeitete Qualitätswerk über die Historie, in dem alle großen deutschen Schauspieler auftreten. Toll, dass diese Bandbreite heute in Deutschland möglich ist. Wobei das Kapital leider auf der Seite des Denkmals bleibt: „Der Untergang“ macht hundertmal mehr Geld als unsere Filme zusammen.

Herr Schlöndorff, Sie sagten einmal, um Filme über den Faschismus zu machen, müsse man ein Tabu überwinden und den Faschisten in sich selbst ergründen. Denken Sie an Filme wie „Der Untergang“ oder „Napola“: Es geht vielleicht auch ohne.

SCHLÖNDORFF: Für mich nicht. Auch im „Untergang“ hätte ich gerne mehr über die Faschisten in den Personen entdeckt. Aber es ist nicht zum Schaden, wenn sich jede Generation wieder neu mit dieser Zeit auseinander setzt.

WEINGARTNER: Dringender wäre mal ein deutscher Film über den Rechtsextremismus. Jeden Tag lese ich in der Zeitung, hier haben Rechtsextreme einen Jungen drei Tage gefoltert, dort wurde ein Ausländer ermordet. Warum macht niemand einen Spielfilm darüber?

SCHLÖNDORFF: Ich habe 1992 mit einem Amerikaner an einem Drehbuch gearbeitet – über Hoyerswerda. Ich bin mit ihm rumgefahren und habe die Leute interviewt. Nach zwei Monaten konnte ich nicht mehr. Ich bin Künstler, kein Märtyrer. Es gab nirgends einen Lichtblick, nicht eine Nebenfigur, von der aus ich das hätte erzählen können.

WEINGARTNER: In Magdeburg wurde ein Punk von Skinheads ermordet. Ich hab eine daran angelehnte Geschichte geschrieben, über eine korrupte Staatsanwaltschaft und darüber, wie der Bruder sich rächen will. Oder Lübeck, das Asylbewerberheim: Da wurden drei Leute mit Benzin an den Händen verhaftet, und der Staatsanwalt hat den Hauptverdächtigen dazu überredet, sein Geständnis zurückzunehmen! In Hollywood wäre so ein riesiges Drama längst im Kino.

Hier sitzen ein Österreicher, ein Schweizer und ein Deutscher, der das Kino in Frankreich entdeckt hat. Wie undeutsch muss ein guter deutscher Film sein?

SCHLÖNDORFF: Das spielt keine Rolle. Eine starke Geschichte kann aus der Provinz kommen, aus Dänemark oder Finnland. Mich treibt eher um, dass die vielen neuen Talente hier so isoliert sind. Genügt es, dass sie alle zur selben Zeit da sind, damit sich etwas Neues entwickelt? Oder brauchen sie eine Gruppe, wie damals bei der Nouvelle Vague? Oder wie bei Alexander Kluge und Enno Patalas, die uns unter französischem Einfluss getrimmt haben? Schade, dass so eine theoretische Diskussion heute fehlt.

LEVY: Deshalb haben wir vor elf Jahren X-Filme gegründet. Wir versuchen die Zeichen der Zeit zu lesen. Wie kommt es, dass Tarantinos „Kill Bill“ oder der Jesus-Film von Mel Gibson Hunderte von Millionen einspielen? Das sind doch Arthouse-Filme. Mit der X-Filme-Gründung wollten wir raus aus der Isolation, rein in einen kritischen Diskurs miteinander.

WEINGARTNER: Ich habe alle Filmemacher in Berlin abgeklappert, aber keinen Anschluss gefunden. Ihr X-Filmer seid eine Familie, eine relativ geschlossene Gesellschaft. Ich versuche gerade, eine Film-Factory zu gründen, das ist auch schwierig. Man versteht sich super, aber man trifft sich nicht im Café und redet sich die Köpfe heiß wie damals in Paris.

LEVY: Damals in Paris! (lacht) Spürst du nicht, dass die Zeit reif ist für ein neues Zusammengehen? Eine der spannendsten Erfahrungen aus dem Biskind-Buch ist für mich: Man muss nicht immer Frontman der Band sein. Also: Warum schreibe ich nicht ein Drehbuch für Schlöndorff? Oder schneide Weingartners nächsten Film? In guten Familien macht jeder mal die Wäsche.

Angenommen, Sie wären mit den 250 000 Euro, die Sie schon für die Nominierung Ihres Films bekommen, nicht an die Produktion eines neuen gebunden: Was würden Sie mit dem Geld machen?

WEINGARTNER: Ich würde ein Filmkollektiv gründen, ein Hippie-Studio.

LEVY (überlegt lange): Das klingt jetzt kitschig: Ich würde einen Wasserbrunnen in Afrika finanzieren.

SCHLÖNDORFF: Ich würde das Geld auf mein Konto legen, und nach fünf Jahren wär’s verbraucht.

Das Gespräch führten Christiane Peitz und Jan Schulz-Ojala.

DIE GOLDENE LOLA

wird morgen Abend in der Berliner Philharmonie erstmals von der 2003 gegründeten Deutschen Filmakademie verliehen. Durch die Gala führt Bully Herbig. Über 600 Mitglieder haben über die Nominierungen in geheimer Abstimmung entschieden und ebenso über die Preisträger in 16 Kategorien .

DIE NOMINIERTEN

In der Kategorie Beste Regie treten Dani Levy, Volker Schlöndorff und Hans Weingartner an. Ihre Filme „Alles auf Zucker“, „Der neunte Tag“ und „Die fetten Jahre sind vorbei“ konkurrieren mit „Agnes und seine Brüder“, „Der Wald vor lauter Bäumen“ und „Sophie Scholl“ um die Goldene Lola (500000 Euro). Mit zehn Nominierungen gilt Levys Film als Favorit. Insgesamt werden von Kulturstaatsministerin Weiss 2,85 Millionen Euro vergeben.

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