Kultur : Rätsel Venus

KATRIN HILLGRUBER

"Knapp wie der Frühling. Geld gefunden, Herz verloren, Engländer eingetroffen. Höchst katholische Situation." Das Stenogramm einer späten Liebschaft, mit einem Augenzwinkern notiert. Es stammt von Emmy Hennings, der Witwe des Dadaisten Hugo Ball. In dieser Eigenschaft kennt man sie, als notorische "Frau an seiner Seite". Dabei war sie zu ihren Lebzeiten berühmter als ihr Mann, eine Bühnenattraktion in Berlin (Neopathetisches Cabaret), München (Simplicissimus) und Zürich (Cabaret Voltaire). Eine Ausstellung des Museums Strauhof in Zürich, die bis August im Berliner Literaturhaus Station macht, revidiert manches Klischee, etwa das ihrer missionarischen Frömmigkeit. Sie zeigt Emmy Hennings als eigenständige, facettenreiche Künstlerin, als Schriftstellerin und Diseuse, zugleich als lebenslange Außenseiterin. Über sich und ihre Gedichte schrieb sie: "Vielleicht verwehen meine Vielfachheiten, / Ein einsam flatternd, blasses Fahnentuch."

Auch er habe Vorurteile über Emmy Hennings gehegt, die 1885 als Tochter einer Seemannsfamilie in Flensburg geboren wurde, gesteht Bernhard Echte, der Leiter des Zürcher Robert-Walser-Archivs. Er gab unter anderem Hugo Balls Tagebuchaufzeichnungen "Die Flucht aus der Zeit" neu heraus und entwickelte bei der Durchsicht des Hennings-Nachlasses das Konzept dieser ungewöhnlichen Ausstellung. Die Vitalität dieser Frau schlug Echte in ihren Bann, und so überlegte er, wie Leben und Werk einer Künstlerin gestalterisch nachempfunden werden könnten, die von 1910 bis 1930 im Zentrum der literarischen Avantgarde stand. Im Literaturhaus zieht sich ein hellblauer Laufsteg durch das labyrinthische Dasein der Emmy Hennings, rot sind die wechselnden Orte markiert. An den Wänden erstreckt sich eine Art Film von mehr als 300 Porträtphotos der Schönheit mit der Ponyfrisur. Das, was der Reisenden aus Passion wichtig war, ist in zehn Koffern arrangiert: die Religiosität, ihre Bücher, Hugos Tod 1927 oder die letzten Armutsjahre im Tessin. "Nur wer im brutalen Berlin leben muß, versteht die ganze Schönheit Münchens", behauptet eines der Koffer-Zitate. In Berlin schlug sie sich zeitweise mit Auftritten als "dänische Futuristin" durch. Zahlreiche Weggefährten säumen als Stelen den Laufsteg. Jede dieser Stationen hält in Form von eingeschobenen kleinen Vitrinen Überraschungen wie unveröffentlichte Briefe bereit. Historische Genauigkeit jedoch sei "schlicht nicht zu haben bei einer Frau, die mit ihrer Vergangenheit und Gegenwart so freimütig umging wie Emmy Hennings und die deswegen immer rätselhaft bleiben wird", schreibt Bernhard Echte im quellenreichen Katalog.

18jährig debütierte sie als "Venus im Grünen" beim Fest des Flensburger Stenographenvereins. Mit ihrem ersten Mann, der sie bald verließ, schloß sich Emmy Hennings einer Truppe von Wanderschauspielern an. Die "Weglaufsucht" sollte ihr abenteuerliches Leben bestimmen, zu dem in frühen Jahren auch Morphiumabhängigkeit und damit verbundene Gelegenheitsprostitution und Gefängnisaufenthalte gehörten. Die Geldnot verfolgte sie, sie war ihre größte Sorge. Das "erotische Genie" betörte Dichter wie Georg Heym und Jakob van Hoddis, Johannes R. Becher oder Erich Mühsam. Während des Ersten Weltkriegs stieß sie in Zürich auf den Dada-Kosmos des Cabaret Voltaire, 1920 wandelte sich ihr Leben durch die Heirat mit Hugo Ball - eine erste Wende hatte sie mit dem Übertritt zum Katholizismus vollzogen. Die enge Freundschaft mit Hermann Hesse bewahrte die Familie mehrfach vor der drohenden Ausweisung aus der Schweiz. Wurde es ihr mit dem Asketen Ball zuviel, begab sich Emmy Hennings spontan auf Reisen, denn eine Konstante galt für sie: "Zu Neuem, Ungewohntem will ich verpflichtet sein."

Literaturhaus Berlin, Fasanenstr. 23, bis 1.8., täglich außer dienstags von 11 bis 19 Uhr

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