Kultur : Rätselklänge

VOLKER STRAEBEL

Im Zentralraum der Neuköllner Philipp-Melanchthon-Kirche von den Choristen des ars nova Ensembles umgeben, entfaltet der Hörer von Jakob Ullmanns neuem Werk "voice, books and FIRE II/2" erst nach und nach den musikalischen Raum seiner individuellen Erfahrung. Drei Konstanten prägen das leise und sehr langsam fortschreitende Werk: ein tiefer, eine volle halbe Stunde anhaltender Orgelpunkt im Baß, eine im Tritonus dazu stehende aufsteigende Oktave im Sopran und das trotz technischer Verstärkung unverständlich leise Flüstern zweier Sprecher. Nur der unregelmäßig auftretende exponierte Sopran ist sicher hinter dem Publikum zu orten, Füstern und Baßton hingegen füllen amorph den Raum, der in Zischlauten und sparsamen, teils akkordisch geführten Glissandi wechselnde Ausdeutungen erfährt. Die so etablierten Bewegungsassoziation verschmelzen schließlich den Raum musikalischer Vorstellung mit dem der architektonischen Realität.Textgrundlage für dieses geheimnis- wie spannungsvolle Werk sind die Schriften des Universalgelehrten Pavel Florenskij (1882-1937), der seinen Versuch, russische Orthodoxie mit philosophischer und naturwissenschaftlicher Forschung zu verbinden, mit dem Tod im Gulag bezahlte. Ullmann spiegelt diesen außermusikalischen Gehalt, indem er einen hebräischen Psalm mit gregorianischen Anklängen und eine neutestamentliche Brieflesung auf starrem Rezitationston in sein Stück hineingeheimnist. Musik ist diesem Komponisten mehr als hörend nachvollziehbare Klanggestalt, er birgt in seinen Werken einen ganzen Kosmos intellektueller und spiritueller Bezüge.Der Uraufführung gingen Olivier Messiaens "Cinq Rechants" voraus, die das ars nova Ensemble unter der Leitung von Peter Schwarz in berührender Klarheit musizierte.

Philipp-Melanchthon-KircheKranoldstraße 16, Gottesdienst mit Werken von John Cage (Reinhard Hoffmann, Orgel)am heutigen Sonntag, 10 Uhr.

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