Kultur : Räuberpistole und Reihenhaus Wie Loriot Bernsteins „Candide“ rettet

Sybill Mahlke

Taugt ein philosophischer Roman für die Musical-Bühne? Leonard Bernstein hat ertragen müssen, dass sein „Candide“, den er eine „komische Operette“ nannte, im Theater immer wieder scheiterte. Nach der Uraufführung 1956 hat er in vielen Neuansätzen versucht, das Werk zu retten. Dies ist erst Loriot gelungen. Die konzertante „Candide“-Fassung funktioniert, weil der wunderbare Komiker ihr mit eigenen vermittelnden Texten als Erzähler beisteht. Ein glänzender Erfolg in der Berliner Philharmonie: Daraus soll nun auch eine CD werden.

Als Schlüsselfigur der Aufklärung vereinte Voltaire Dichtung, Historisches und Philosophisches in seinem 1759 erschienenen Buch „Candide“, das prompt in Genf und Paris verboten und in Rom auf den Index gesetzt wurde. Es ist ein haarsträubender Abenteuerroman. Aber hinter allen Katastrophen und der Wiederkehr Totgeglaubter entdeckte die Nachwelt Voltaires Kunst, „den bösen Weltstoff in ein Märchen“ zu verwandeln. Der gutgläubige Held Candide, von seinem Lehrer Pangloss zu unerschütterlichem Optimismus angehalten, gerät von einem Land ins andere, erlebt Krieg, Schiffbruch, Mord, das Erdbeben von Lissabon, Kannibalen, falsche Mönche, die Inquisition, alles in unerhörtem Tempo erzählt, bis er erkennt, wie viel in dieser Welt doch im Argen liegt. Westfalen, wo die Geschichte beginnt, ist für Voltaire „abscheuliche“ katholische Provinz, sprichwörtlich für seine Zeit die Unzucht der ungebildeten Franziskaner. Der Stationen sind zu viele, der philosophische Faden zu dünn für die Bühne.

Die Musik, mit ihren amerikanischen Rhythmen, Gavotte, Ensembles und ihrem Raffinement, das mit einer Zwölftonreihe Überdruss ausmalt, ist kostbar genug. Und schwierig! Wer kann sich eine Kunigunde im Musical leisten, die andernorts die Königin der Nacht singt! Mit „Glitter and Be Gay“ sehr gefeiert: Sylvia Koke. Partiturgemäß gelingt Candide (Jerry Hadley) die Schilderung des Landes Eldorado weniger kurzweilig als Pangloss die der Syphilis (großes Talent fürs Musical: Thomas Gazheli). Aus dem Ensemble ragen ferner: Robert Chafin in drei Rollen und Marjana Lipovsek als Old Lady. Mit leichter Hand dirigiert David Stahl das Deutsche Symphonie-Orchester und den Ernst Senff Chor, die ihre ungewohnten Aufgaben mit lächelndem Ernst versehen. Dass Dr. Pangloss in Tübingen ein Lehrstuhl sicher sei, ist Überzeugung von Loriot. Der Erzähler erneuert den Stoff durch eine Art zweiter Ironie: Wenn die Musik sich im Finale zum Hymnus auf das einfache Leben weitet, bebildert Loriot es mit Reihenhaus, Fernseher und naturbelassenem Gemüse.

0 Kommentare

Neuester Kommentar