Kultur : Räuchermädchen und Schießbudenfiguren

Seitenblicke: Die österreichische Choreografin An Kaler eröffnet die 21. Tanztage Berlin in den Sophiensälen.

von
Das Tier in dir. Kai Simon Stoegers „Roedeln“ , heute um 19 Uhr. Foto: Eventpress Hoensch
Das Tier in dir. Kai Simon Stoegers „Roedeln“ , heute um 19 Uhr. Foto: Eventpress HoenschFoto: Eventpress Hoensch

Plötzlich sitzt eine schwarz maskierte Frau neben dir im Foyer, sie berührt sanft deinen Arm, streicht dir übers Haar. Und sucht sich den nächsten Kandidaten. Mit Zärtlichkeiten unter Fremden beginnen die Tanztage Berlin in den Sophiensälen. Doch rasch hat es sich ausgekuschelt. In seiner 21. Ausgabe stellt das Low-Budget-Festival wieder choreografische Talente vor – und diese neue Generation tanzt nicht einfach drauflos, sondern jongliert mit Theorien und Texten. Verkopfter als sonst präsentiert sich denn auch das aktuelle Programm.

Die Eröffnung mit An Kaler ist aber ein Glücksfall. Kaler hat „Transmediale Kunst“ in Wien studiert, in Berlin absolvierte sie einen Pilotstudiengang am Hochschulübergreifenden Zentrum Tanz. Für „Insignificant Others: Learning to Look Sideways“ hat sie mit Antonija Livingstone und Alex Baczynski-Jenkins zwei tolle Partner gewonnen. Die drei Tänzer in apartem Queer-Look bauen eine enorme Spannung auf – die sie auch für die Dauer der 45-minütigen Performance zu halten wissen.

Das Stück beginnt minimalistisch, indem die Tänzer den Kopf nach links drehen. Zur anschwellenden elektronischen Musik von Brendan Dougherty werden die Bewegungen heftiger. Die Performer knicken ein, werfen sich auf die Knie, gleiten aus. Diese verrutschenden, nicht klar definierten Bewegungen bilden das Material. Kaler gelingt es, unterschiedliche Stimmungen zu kreieren. Der Andere ist nie direkt greifbar – doch es entsteht ein Dreieck des Begehrens.

Wie in den Jahren zuvor gibt es auch wieder ein Coaching Projekt. Peter Pleyer, der Leiter der Tanztage Berlin, trägt jetzt eine Wollmütze , wie es derzeit hip ist. Und er hat drei junge Frauen unter seine Fittiche genommen. Was genau er ihnen beigebracht hat, wird allerdings nicht ersichtlich. Offenbar ist er neuerdings auch Experte für okkulte Techniken. Die Schwedin Louise Ahl wedelt in „Trance“ mit einem Räucherstäbchen, um den Hochzeitssaal einzuweihen und ihren Körper zu segnen. Mit ihren lila Haaren und dem durchdringenden Blick sieht sie aus, als wolle sie bei Astro TV anheuern. Es gelingt ihr aber nicht, die Zuschauer zu hypnotisieren, um direkt das Unbewusste anzusprechen. Das eigene Wachbewusstsein signalisiert deutlich, dass es sich hier um faulen Zauber handelt.

Cecilie Ullerup Schmidt bittet in ihrem Solo „Schuetzen“ das Publikum, die Augen zu schließen – eine Praxis, die sich im Tanz Gott sei dank noch nicht weiter verbreitet hat. Für die Recherche ist sie eigens in die Berliner Schützengesellschaft eingetreten und hat Schießunterricht genommen. Doch in „Ready aim“ tritt die blonde Dänin nicht etwa mit Waffe auf. Die Bühne bleibt eine geschützte Zone, es wird überwiegend geredet. Ullerup demonstriert zunächst, wie Schützen sich vorbereiten für den Schuss und nimmt dann die moderne Kriegsführung ins Visier. Anthropologie ist eine Waffe, erklärt sie, und berichtet vom „Human Terrain System“. Bei dem von der US-Armee aufgelegten Programm sollen Anthropologen Taktiken zur kulturellen Verständigung mit der afghanischen Bevölkerung entwickeln. Dieser akademische Krieg wird an den Universitäten kontrovers diskutiert.

Ein spannendes Thema gewiss, doch Ullerup nähert sich ihm aus einer zu engen Perspektive. Wenn sie erzählt, dass die Drohnen-Piloten in Nevada morgens Yoga machen, sagt das wenig aus. Die Strukturen, die Gewalt produzieren, kommen nicht in den Blick. Und so lässt diese Lektion über Waffen und Kriegsherren den Betrachter ganz ungerührt.

Sophiensäle, bis 15. Januar. Weitere Informationen unter: www.tanztage.de

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben