Kultur : Räume ohne Schranken

Anwalt gebauter Utopien: zum Tod des Berliner Architekten Fritz Bornemann

Michael Zajonz

Berlin am Meer: Geboren worden ist diese verrückte, faszinierende und ganz und gar unrealistische Idee in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg. Ihre Urheber sind der Maler Werner Heldt und der Architekt und Stadtplaner Hans Scharoun. Heldt, der Existenzialist, schuf Gemälde und Grafiken, die das zerbombte, versteinerte Berlin in eine klassisch-mediterrane Strandlandschaft überführen; Scharoun, der Raumbildner, wollte die geschundene Großstadt in eine organische Architekturlandschaft verwandeln. Pläne, die viel zu radikal waren, um unmittelbare Spuren zu hinterlassen.

Der Architekt Fritz Bornemann hat die Berlin-am-Meer-Utopie der beiden Älteren bis weit in die Wiederaufbaujahrzehnte der Bundesrepublik hinein getragen. Der 1912 in Berlin geborene Architekt, der noch bei Hans Poelzig, dem großen Grantler unter den Berliner Architekturprofessoren, studieren konnte, blieb seiner Stadt und ihrem Genius loci auf seine Weise verbunden. Hier, am Strand von Havel und Spree, entwickelte er eine Formen- und Materialsprache, die in den vom Wasser gerundeten Kieselsteinen, wie man sie beim Strandurlaub auflesen kann, ihr schönstes Signum fand.

Die Spur von Bornemanns Steinen zählte allerdings lange Zeit nicht allzu viel: zu spröde, zu protestantisch, zu wenig glamourös, zu kalt. Nachgeborene Moderne-Kritiker haben in Bornemanns Bauten banale Kisten und in ihren großen, geschlossenen Wandflächen oft nur viel zu viel Waschbeton gesehen. Dabei sind seine Hauptwerke – die Deutsche Oper in der Bismarckstraße mit ihrer 70 Meter langen geschlossenen Wand, das Haus der Freien Volksbühne in der Schaperstraße mit gläsernem Foyer und Gartenhof – gebaute Zeugnisse einer Utopie. „Demokratie als Bauherr“ war einer der architekturideologischen Leitsätze der jungen Bundesrepublik. In Bornemann hatte er einen seiner engagiertesten Anwälte gefunden. Am Montag ist er mit 95 Jahren gestorben.

Bauen als öffentliche Aufgabe: Bornemann verwirklichte in Kreuzberg zusammen mit Willy Kreuer 1952-54 die Amerika-Gedenkbibliothek – Berlins erste Bücherei mit einem großen, gut einsehbaren Freihandbereich. Später folgte die lichtdurchflutete Bonner Universitätsbibliothek. Bauen als Inszenierung von Öffentlichkeit: Wer die Foyers der Deutschen Oper durchschreitet oder zum beleuchteten Ratssaal des Rathauses Wedding hinaufsieht, kann spüren, wie zwanglos sich Festtagsstimmung und egalitäre Architektursprache verbinden lassen.

Dass Bornemann bei aller zeittypischen Bescheidenheit auch ein Pathetiker war, wird in seinen Arbeiten als Ausstellungsgestalter deutlich, so in der (längst überarbeiteten) Inszenierung des Ethnologischen Museums in Dahlem. Zwischen 1970 und 1973 eröffnet, arrangierte Bornemann in den von Wils Ebert konzipierten lichtlosen Kuben an der Dahlemer Lansstraße einen effektvoll abgedunkelten Parcours der Meisterwerke. Die jüngste Neu-Präsentation der afrikanischen Skulpturen kann man als späte Neuauflage von Bornemanns dramatischer Lichtregie begreifen. Auch bei anderen Bauten liebte Bornemann es dramatisch: Der deutsche Pavillon für die Weltausstellung in Osaka, den er 1970 gemeinsam mit dem Komponisten Karlheinz Stockhausen konzipierte, besteht aus kreisförmigen, unter einer Rasenfläche versenkten Räumen.

Bornemanns Wiederentdeckung ist überfällig. Zum 95. Geburtstag im Februar wurden die restaurierten Mosaikfassaden der Amerika-Gedenkbibliothek präsentiert. Das Haus der Freien Volksbühne, erfolgreich von den Berliner Festspielen für das Theatertreffen und andere Gastspiele genutzt, funktioniert noch wie am ersten Tag. 1961 schrieb die Fachzeitschrift „Bauwelt“: „Wo man auch sitzt, man ist wie mitten im Spiel.“ Architektur, die ihre Schranken vergessen lässt: Fritz Bornemann war einer ihrer besten Regisseure. Michael Zajonz

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