Kultur : Räume sind Schäume

Die Welt darf es sich gemütlich machen: Der Philosoph Peter Sloterdijk hat sein Riesen-Werk „Sphären“ abgeschlossen

Kerstin Decker

Nun ist sein Hauptwerk fertig. Der dritte Teil des Sloterdijkschen „Sphären“-Projekts ist soeben erschienen. Er trägt den ungewöhnlichen Titel „Schäume“ und umfasst knapp tausend Seiten. Tausend Seiten Schaum? Aber hörte sich „Blasen“ – so heißt der erste Teil von 1998 – etwa haltbarer an? Die Trilogie ist eine einzige Provokation, schon äußerlich. Einem ziemlich strengen Philosophen zufolge, dessen 100. Geburtstag wir im letzten Jahr feierten, sind heute Werke, schon gar Hauptwerke, ohnehin eine Unmöglichkeit. Die meisten Philosophen beugen sich auf ihre Weise diesem Adorno-Diktat, indem sie möglichst schmale, hoch spezialisierte, für Laien meist unverständliche Traktate verfassen. Ist Philosophie, die man verstehen kann, nicht grundverdächtig?

Der Oberverdächtige der deutschen Philosophie, Peter Sloterdijk, tritt als neobarocker Großschriftsteller auf und das Unerhörte ereignet sich: die „Sphären“ sind mehrere Tausend äußerst lesbare, sogar unterhaltsame Seiten Philosophie. Umso schlimmer, würden dazu die Schulphilosophen sagen – wenn sie etwas sagen würden. Denn Bücher, die „Blasen“ und „Schäume“ heißen, können nichts für ernsthafte Menschen sein – und ist der Philosoph nicht der Inbegriff eines ernsthaften Menschen?

Mit einer Betrachtung der Seifenblase hat Sloterdijk sein Sphärenprojekt vor sechs Jahren eröffnet. Und mit der Behauptung, dass Leben, Sphärenbilden und Denken verschiedene Ausdrücke für dieselbe Sache seien. Eine Sphäre sei das innenhafte, erschlossene, geteilte Runde, das Menschen bewohnen, insofern es ihnen gelingt, Menschen zu werden, sagt Sloterdijk.

Sloterdijk verstößt mit seinem Sphärenprojekt gegen das Grundverbot der neueren Philosophie: Keine Ontologie! Also keine Seinslehre. Die alte Metaphysik ist tot. Und jede Wiedererweckung ist a priori vorgestrig und reaktionär. Muss aber nicht, findet Sloterdijk. Es ist nur eine Frage des Gewichts. Ontologie und Metaphysik – allein die Worte klingen schwer, und diese Disziplinen sind es auch. Es kommt darauf an, Gewicht abzuwerfen. Blasen und Schäume sind das Gewichtlose schlechthin. Aber genügt ihre Leichtigkeit, um uns für scheinbar wesenlose Luftgebilde zu interessieren?

„Sein und Zeit“ hieß das Hauptwerk Heideggers. Da fehlte etwas, glaubt Sloterdijk. Und zwar der Raum, aber eben in einem nichtphysikalischen, nichtkantischen Sinne. Nicht als Abstraktion des leeren Raums, in den man dann etwas hineinstellen kann. Sondern als menschliches Leben, jetzt begriffen als eine den Raum gestaltende, raumschöpferische Tätigkeit. Und dieses Leben existiert nur scheinbar unter offenem Himmel. Aus Sloterdijkscher Sicht gibt es keine größere Fiktion als den Kantischen Einzelnen mit dem Sittengesetz in sich und dem bestirnten Himmel obendrüber. Denn der Mensch, lernen wir bei Sloterdijk, lebt grundsätzlich in Gefäßen, in „selbstklimatisierten Räumen“. Die sind nur mitunter unsichtbar, und sie sind auch kaum beschreibbar, weil wir alle im Alltag, so Sloterdijk, „Hardcoremetaphysiker“ sind – Anhänger eines hartnäckigen Festkörperglaubens. Und so funktioniert auch unsere Sprache. Sie hat fast keine Worte – und damit keinen Blick – für Schwebezustände, für „das Enthaltensein in einem Zwischen“, letztlich für Atmosphären überhaupt.

Sloterdijk entwirft eine nachmetaphysische, nichtidealistische Ontologie, indem er von unten nach oben baut und nicht wie die klassische Metaphysik von oben (einem summum bonum, einem höchsten Guten) nach unten. Wer so etwas macht, braucht tragfähige Fundamente. Nun sind, was Ontologen nur selten wissen, gerade die Grundlagen das Zerbrechlichste. Zwischen Menschen ist es die Intimität. Um da im Zeitalter von „Big Brother“ keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Das Meiste, das wir Intimität nennen, ist ungefähr deren Gegenteil. Sloterdijk gibt uns wieder einen Begriff davon.

Allerdings sind die Fundamente des Sloterdijkschen „Haus des Seins“ inzwischen bereits berüchtigt. Sloterdijk ist noch vor Sokrates die größte Hebamme unter den Philosophen. Sensible Zeitgenossinnen haben in ihm bereits einen besonders verruchten Pornographen entdeckt. Gewöhnliche Pornographen begnügen sich aber bekanntermaßen mit den Äußerlichkeiten. Sloterdijk nicht. Er findet, dass es sich zwischen Menschen, die schon geboren sind, bereits um eine Spätphase der Intimität handelt. Man muss ihr bereits im Mutterleib auf die Spur kommen. Sloterdijk will alles von innen, er entwirft in dem ersten Band „Blasen“ eine „negative Gynäkologie“, eine Geschichte der Fruchtblase. Natürlich kann es sein, dass Menschen, die keine philosophischen Seminare besucht haben, fragen: Müssen wir das eigentlich wissen? Hat der das eigentlich nötig? Hat er. Und zwar zur Überwindung der Subjektphilosophie. Das ist ganz wichtig. Schulenübergreifend beweisen Philosophen heute, dass die klassische Subjektphilosophie (von Descartes’ „Ich denke“ bis zu Kants transzendentaler Einheit des Bewusstseins) ein Irrtum war. Der Sphärenforscher führt auf seine Art den Nachweis, dass wir nicht einmal im Mutterleib, der ersten Höhle, dem ersten Treibhaus, allein sind. Jeder ist immer schon zu zweit. Die Plazenta ist das erste Gegenüber, der erste Begleiter, der erste Verwöhner. Und dann beginnt mit der Geburt der erste Umzug und der erste Partnerwechsel. Die Kategorie des Bewusstseins ist das Paar.

Die Philosophen fragen, was gelungenes Leben ist. Sloterdijk antwortet: Gelungenes Leben besteht in gelungenen Umzügen. Denn natürlich kann man unterwegs verloren gehen. Sloterdijk zeigt das auf individueller Ebene wie auf menschheitsgeschichtlicher Ebene. Mit „Schäume“ ist er im zwanzigsten Jahrhundert angekommen. Dessen Haupterfindung ist nach Sloterdijk der „Atmoterror“ (vom Gaskrieg über die Gaskammern und die Atombombe). Entgegen einem weitverbreiteten Vorurteil sei die Moderne nicht die Revolutionierung aller Verhältnisse, sondern nur ihre Ausfaltung. Was vorher Hintergrund war, wird Vordergrund. „Explikation“ lautet das Hauptwort. Und wir leben auch nicht in „Gesellschaften“, sondern in gegeneinander ebenso isolierten wie durchlässigen Raumvielheiten. Eben in „Schäumen“. Kulturgeschichtlich gesehen zeigt uns Sloterdijk als nachmetaphysische Desillusionierungs- und Trivialisierungsprodukte in einem „Verwöhnungstreibhaus“. Die Staaten sind „sphärologisch“ gesehen Ersatzübermütter.

Die Moderne als Erleichterungsprojekt. Trotzdem lässt sich ein gewisses Gefühl der Enttäuschung bei der Lektüre des dritten Teils nicht verbergen. Vorher hielten wir uns immer in fernen Welten auf, im Reich menschlicher Nähebeziehungen oder in den imperialen Kosmen der europäischen und sonstigen Hochkulturen. Soviel Aufwand. Und wozu das alles? Nur um bei uns selber anzukommen, einem Spezialfall des „letzten Menschen“. Das Eschaton, das Ziel der Geschichte – sind wir selber?

Allerdings begegnen wir uns bei Sloterdijk wie von außen, denn nur in der Besucherperspektive werden wir uns kenntlich. Fundamentalkritik ist von Sloterdijk nicht zu erwarten. Von den freiwilligen und unfreiwilligen Adorno-Nachbetern, „den Schwestern und Brüdern vom beschädigten Leben“, hat er sich schon früh verabschiedet. Das Leidenspathos der Modernen teilt er nicht. Wenn er auch die Wiederkehr der ersten Massenkultur der Weltgeschichte, der römischen Arena-Kultur, ganz klar diagnostiziert. Mitsamt ihrer Unterbietung des Menschen durch den Menschen.

Das Problem bei allen Ontologien ist, dass sie in der Regel so weit reichen wie die Vorstellungskraft ihrer Verfasser. Darum sind sie meist nichts anderes als erweiterte, schlecht gelüftete Wohnzimmer des Verfassers, und man sucht bald nur noch eins: den Ausgang. Bei den tonangebenden nichtontologischen Philosophen der Gegenwart ist man zwar vor Wohnzimmermief sicher, denn sie begnügen sich von vornherein mit dem bloß Formalen. Das hat aber auch bisher kaum beachtete Risiken. Denn die philosophischen Vertragstheoretiker, Sprachanalytiker und Kommunikationsphilosophen merken nicht einmal, dass sie, die vermeintlichen Nachmetaphysiker, selbst die größten Metaphysiker sind. Sie haben eine quasikantische, quasitranszendentale Zwischendecke in die Wirklichkeit eingezogen. Es ist eine sehr kostbare Zwischendecke, die bewahrenswerteste aller Zwischendecken (die Selbstrechtfertigung der Rationalität), aber man kann von dort aus nicht mehr sagen, was darunter und darüber ist. Und das eben ist Metaphysik pur: die Konstruktion einer voraussetzungslosen Zwischendecke. Was soll einer mit Rawls’ „Theorie der Gerechtigkeit“ oder mit Habermas’ „Theorie des Kommunikativen Handelns“, sagen wir, im Irak anfangen?

Wer noch immer von der Philosophie erwartet, dass Menschen sich selbst mit ihrer Hilfe besser kennenlernen können, ist bei Sloterdijk richtig. Und noch etwas spricht für ihn. Die klassische Metaphysik wird in Philosophieseminaren landauf landab täglich neu erlegt, nur um die Leiche dann achtlos liegenzulassen. Die formalisierte Philosophie in ihren analytischen, kommunikationstheoretischen und sonstig konstruktivistischen Hauptströmungen kann mit der Toten nichts anfangen, aber sie bewacht sie gut. Sloterdijk bringt ihre Bedeutungskerne wieder zum Sprechen (im zweiten Band, „Globen“). Allein das ist viel. Denn es ist für jeden Menschen viel zu wenig, nur von heute zu sein. Für einen Denkenden erst recht. Sloterdijk sagt, Philosophen, die erst 2000 Jahre tot sind, empfinde er als Zeitgenossen. Natürlich ist es eine Frage des Standpunkts und seiner Akustik, ob man die Stimmen der andereren hören kann oder nicht. Hermeneutiker, philosophische Textdeuter also, hören zwar auch immer Stimmen, aber nur solche aus alten Texten. Sloterdijk hört Textstimmen und Wirklichkeitsstimmen gleich dazu. Das spricht für das Projekt der „Sphären“.

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