Räuschchen : Ernst-Jünger-Collage im Berliner Ensemble

Ausnahmeschauspieler Martin Wuttke hat nach seinem Goethe-Abend "Gretchens Faust" letztes Jahr im BE erneut als Regisseur und Darsteller zugeschlagen - diesmal allerdings mit den Drogenessays Ernst Jüngers.

Christine Wah
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J. Rudenska

Bei der Fashion-Week hätte diese Kollektion sicher Superchancen: Die Mädels tragen geraffte und semitransparente RetroAbendkleider, während die Jungs orientalisch inspirierte Morgenmäntel zu BerlinMitte-Hornbrillen kombinieren. Da sich der zehnköpfige Trupp im Rangfoyer des Berliner Ensembles stilecht in einem Glaskasten präsentiert, werden zoologische Assoziationen wach. Und das ist Absicht: Tatsächlich sitzen die Zuschauer volle zwei Stunden rund um die Box und sehen der Salongesellschaft bei ihrer Arbeit an der Grenzüberschreitung zu.

Der Ausnahmeschauspieler Martin Wuttke hat nach seinem Goethe-Abend „Gretchens Faust“ letztes Jahr im BE erneut als Regisseur und (Haupt-)Darsteller zugeschlagen, diesmal allerdings mit den Surrealismus- und Drogenessays Ernst Jüngers. Wuttke und die Dramaturgin Anna Heesen destillierten aus dem 1929 erstmals publizierten, später stark überarbeiteten Band „Das abenteuerliche Herz“ sowie den 1970 veröffentlichten „Annäherungen“ an „Drogen und Rausch“ eine Spielfassung für eine auffällig gekleidete Drogenpartygesellschaft.

„Das abenteuerliche Herz“, bei dessen erstem Erscheinen Jünger gerade durch seine Kriegsbücher und sein publizistisches Eintreten für die politische Rechte bekannt geworden war, entfaltet mit Pathos die Überzeugung, dass hinter den alltäglichen Erscheinungen eine „innere und magische Harmonie“ lauere, die man nur durch Austritt aus den Konventionen erfahren könne. Als 1970 seine Drogennotate herauskamen, war Jünger bereits 75 und nicht gerade für Hippie-Neigungen bekannt. Vielmehr schmiss er die Trips allein im Wohnzimmer oder mit ausgesuchten Altersgenossen wie dem LSD-Entdecker Albert Hofmann.

Die Bühnen- und Kostümbildnerin Nina von Mechow hat im Glaskasten zwar auch ein paar biedermeierliche Wohnzimmeraccessoires aufgestellt, so dass sich die Abendkleid- und Morgenmantel-Junkies mal in einer Kopfkissenburg wälzen, mal an einem Tischchen festhalten können. Ansonsten aber bleibt es beim immergleichen Willen zum Rausch, zu dem sich die schnöseligen Gemüter von einem Dr. Fancy antreiben lassen. Den gibt Wuttke – wechselweise in weißer Dandy-Kluft und trashig silberbesticktem Pullover – höchstselbst. Die Kastenjunkies liefern unterdessen eine redliche Parodie auf (pseudo-)intellektuelle und andere Existenzpathetiker, die mangels echter Probleme Betätigung in der Transzendenz suchen.

Für diese sich über die Textvorlagen amüsierende Sichtweise gibt es zwar gute Gründe. Nur tritt der Abend dennoch auf der Stelle. Ob Dr. Fancy mit einem Revolver jemanden erschießt, ob ein Darsteller sich an einer real existierenden BE-Foyer-Säule festkrallt (was Hausherr Claus Peymann mit einem schwer um die Inneneinrichtung besorgten Blick verfolgt) oder ob alle zusammen pennälerhaft Queens „Bohemian Rhapsody“ verjuxen: Im Prinzip läuft die Inszenierung auf der gleichen Ton- und Erkenntnishöhe durch.
Wieder am 4. Juli, 22 Uhr

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