Kultur : Rafael, der Prächtige

ECKART SCHWINGER

Auf Jubelklänge herkömmlicher Art können das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin und sein Chefdirigent Rafael Frühbeck de Burgos im Rahmen der Festkonzerte zu seinem 75jährigen Bestehen im Schauspielhaus verzichten.Selbst bei den bevorstehenden Aufführungen von Beethovens "Missa solemnis" am 7./8.November wird wohl nichts an die musikalische Festtagspracht vergangener Zeiten erinnern.Gerade ein so modernes Spitzenensemble wie das RSB, das in seiner Geschichte so viele künstlerische wie politische Abenteuer zu bestehen hatte, fühlt sich für die Instandhaltung der musikalischen Welt von gestern nicht verantwortlich.Es überrascht immer wieder mit zeitnaher, kühner Musizierhaltung und einer makellosen Klangschönheit, an der viele Hörer ihre Freude haben.

Unter Frühbeck de Burgos musizierte das RSB im Festkonzert Haydns Sinfonia concertante für Oboe (Gabriele Bastian), Violine (Rainer Wolters), Violoncello (Wolfgang Emanuel Schmidt) und Fagott (Alexander Voigt) hinreißend leicht und launig und obendrein prickelnd klar bis ins letzte Sechzehntel des turbulent-virtuosen Finales.Ein Stück des vielbeschäftigten Leipziger Opernintendanten Udo Zimmermann sollte ursprünglich die einst so stolze Uraufführungsreihe des RSB fortsetzen und im Festkonzert aus der Taufe gehoben werden.Sie fiel leider ins Wasser.Dafür gelangte das dem RSB gewidmete Concerto für Bläser, Klavier und Schlaginstrumente von Gunter Gross zur Uraufführung.Gross, ein komponierender Geiger des RSB, hat neuerlich eine versierte, flinke Spielmusik geschrieben, die leider allzu schnell in flachen filmmusikalischen Effekten und Flimmereien versandet.Das war sechzehn Minuten lang kompositorisch weder gicks noch gacks - und fatal im Festkonzert dieses renommierten Ur- und Erstaufführungsorchesters, in dem man sich schon ein herausfordernd-risikofreudiges Werk eines markanten Zeitgenossen gewünscht hätte.

Um so wagemutiger und geistvoller der nahezu vollendete Tonfall, den das RSB unter dem brillant und zupackend temperamentvoll dirigierenden Rafael Frühbeck de Burgos bei Bartóks "Konzert für Orchester" anschlug.Sie legten wie wahre Himmelsstürmer los und übersprangen mühelos alle technischen Barrieren.Und legten bei allem musikantischen Feuer nicht nur eine mozartische Kultur und Noblesse an den Tag, sondern auch eine südländische Leuchtkraft und eine außergewöhnlich reiche Nuancierung, die auch einen Bartók erst zum Vergnügen werden läßt.

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