Rainald Grebe im Tipi : Komm an meine Brust, August

Zwischen Melancholie bis Brachialschunkeln: Rainald Grebe und die Kapelle der Versöhnung laden zum „Wigwamkonzert“ ins Tipi.

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Sommergast. Rainald Grebe gastiert im Zelt am Kanzleramt und lässt seinen Indianerschmuck in Brandenburg.
Sommergast. Rainald Grebe gastiert im Zelt am Kanzleramt und lässt seinen Indianerschmuck in Brandenburg.Foto: Gesa Simons

Nein, seinen Indianer-Kopfschmuck drückt er sich an diesem Abend nicht aufs grauer werdende Resthaar. Ist einfach auch viel zu heiß hier im Tipi, wo Rainald Grebe und seine Kapelle der Versöhnung schweißtreibend den August einsingen. Während lauter arme Würstchen jetzt in den Urlaub fahren müssen, betrachtet Grebe die Welt lieber vom Balkon aus. „Komm an meine Brust, August“, ruft er und schnauft dabei bedenklich. Ist das nur eine Pose, dieses Klagen über Rheuma mit 46? Verstörend Grebes Schilderung von einem Schlaganfall, der ihn in Düsseldorf auf der Bühne ereilt haben soll. Mit stoischer Josef-Hader-Mine trägt er das vor, sodass man sich voller Sorge den Schweiß aus den Augenwinkeln wischen will.

Dabei hat er wieder mal losgelegt wie ein Berserker und sich mit dem atemlosen Show-Opener „Lass uns Volkslieder singen“ auf eines seiner Leibthemen geworfen. Lauter lautes Nichtwissen, absurd Kurzgeschlossenes, aber nicht halblang machen können. „Klippklapp ruft’s aus dem Wald“, und dann taucht da immer wieder dieser Baum auf, der für irgendetwas stehen mag, bis es nach einer weiteren Blitz-Rochade im schiefen Liederkanon plötzlich heißt: „Vor meines Vaters Haus steht Sieglinde!“ Natürlich kann Grebe bei dieser hübschen Pointe nicht verweilen, der tourt weiter hoch, bis zum Brachialschunkeln mit „Wenn das Wasser der Saale Sambuca wär“.

Nun könnte Grebe das triefende Tipi spielend in seine Gewalt bringen, den schamlosen Animateur machen, der sich voll in Pose wirft und sie mit dem nächsten Schnaufen wieder einreißt. Doch belässt er es bei Andeutungen, wie er auch seinen ihm zu Last gewordenen „Brandenburg“-Hit nur zweimal antippt, ohne ihn zu spielen. Stattdessen kreuzt Grebe im „Fitnessstudio“ auf, wo man unter dem Slogan „Der Neid ist Ihnen sicher“ den Erwerb von Waschbrettbäuchen propagiert. Ja, die „90er“, da war man bei allem vorne dabei, heute hingegen fühlt man sich wie ein „altes Brauereipferd“.

Altebekannte und neu ausprobierte Lieder

Neben einer immer wieder überkochenden (Fabulier-)Wut, einer sich aller Stringenz verweigernden Suche nach dem Zusammenhang ist diese heiße Dreistundennacht vor allem eine melancholische. Wenn die wundersam verwuschelte Kapelle der Versöhnung mal keinen schwitzenden Rumms ins Zelt pumpt, entdeckt Grebe ein „Loch im Himmel“, das sich einfach nicht mehr schließen lässt. Selbst dann nicht, wenn man so lange ins Fitnessstudio gerannt ist, bis man Nüsse mit dem Po knacken kann.

Altbekannte und neu ausprobierte Lieder wirft Grebe für sein „Wigwamkonzert“ im Tipi zusammen, ein Zwischenstopp auf seiner Tournee vom Stadionrausch zum nächsten Solokabarett. Dass dieses Leben trotz kraftvoller Suchtstrukturen schlaucht, will niemand bezweifeln. Grebe spießt bewahrt das spießige Umsichselbstkreisen in Prenzlauer Berg auf und weiß genau, welche Texte durch hoffnungslose Paare wabern. Auch vom Burn-out kann er singen. Und ewige Fragen so beantworten, dass man versteht: Wenn das alles mal vorbei ist, was bleibt davon? „Wir sind nur Brausepulver unterm Firmament.“

Noch täglich bis zum 6. August

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