Rainald Grebe in den Wühlmäusen : Brandenburg liegt am Äquator

Wozu Volkslieder nicht alles gut sind: Rainald Grebes „Elfenbeinkonzert“ bei den Berliner Wühlmäusen.

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Afrika im Blick. Rainald Grebe.
Afrika im Blick. Rainald Grebe.Foto: Gesa Simons

Na bitte, er hat’s geschafft. Der Ober-Indianer des deutschen Musikkabaretts muss seine Standardzugabe „Brandenburg“ noch nicht mal mehr selber singen. Das machen jetzt die Ivorer für ihn. Entspannt lehnt sich Rainald Grebe am Dienstagabend auf der Bühne der Wühlmäuse zurück und dirigiert ab und zu ein wenig mit, als in einem auf die Leinwand neben seinem Klavier projizierten Videoclip Deutschstudenten in Abidjan seinen größten Hit singen. Das tun sie sichtlich erheitert, aber ernsthaft interessiert an dem, was ihnen dieser merkwürdige deutsche Kulturbotschafter Anfang 2016 bei seinem Volkslieder-Workshop an der Elfenbeinküste so als populäres Gesangsgut aus seiner Heimat untergejubelt hat. Auch Helene Fischers Schlagerknaller „Atemlos durch die Nacht“ gehört dazu, den die Ivorer ebenso fröhlich anstimmen. Auch dies erfüllt womöglich die Kriterien eines Volkslieds, also eingängig, gut singbar und identitätsstiftend.

Tja, kommentiert Grebe die Einspieler, „das ist Kolonialismus auf Augenhöhe, sagen wir es mal so“. Was ist er doch für ein Zyniker! Zumindest wenn er gerade kein desillusionierter deutscher Romantiker ist, der deren traditionelle Lieder liebt. "Elfenbeinkonzert“ heißt das jüngste, inzwischen sechste Soloprogramm des 1971 in Köln geborenen Wahlberliners. Wie üblich sind die fünf Abende in Berlin lange im Voraus ausverkauft. Und wieder zieht Rainald Grebe ein erstaunlich heterogenes Publikum an. Auch seinen Theaterflop vom vorletzten Jahr, die lahme Retrorevue „Westberlin“ in der Schaubühne, haben sie ihm offensichtlich verziehen.

Ein Koffer als Sidekick

Was Wunder. Gleich zum Auftakt der Show legt er eine sagenhaft lärmende, wüst-wilde, kreuzlustige Stand-up-Nummer hin. Angetan mit seinem angestammten Indianer-Kopfputz, der inzwischen fast alle Federn gelassen hat, arbeitet er sich vom Saal auf die Bühne vor. Er zieht einen alten Koffer hinter sich her, der sich als „sprechender Koffer“, aus dem eine Navi-ähnliche Automatenstimme tönt, gemeinsam mit Techniker Franz die Rolle des Sidekicks teilt. Er dirigiert den sofort aufbrandenden Jubel. Und er kommentiert die Projektionen von per „Face Swapping“ verballhornten Snapchat-Fotos und Musikvideos, die Teenies mit der App Musically gebastelt haben.

Zu Rainald Grebes ewigem Großthema „Was sind und können Volkslieder heute?“ ist die digitale Revolution als Motiv hinzugekommen. In dem dreiteiligen Theaterprojekt „Das Anadigiding“ am Schauspiel Hannover hat er die Zeitenwende drei Jahre lang reflektiert – samt einer in das Solo übernommenen Nonsense- und Nachdenk-Ballade, die in der zweiten Hälfte des dreistündigen Abends erklingt. „Wer von euch nutzt Snapchat nicht?“, brüllt der haspelnde, hampelnde, hastende Zampano in den Saal. Jede Menge Hände fliegen nach oben. „Ich wusste doch, dass mein Publikum wegmodert“, stöhnt Grebe in gespieltem Entsetzen.

Er selbst wird immer grauer und inszeniert sich im Song „Raus in die Arena“ folgerichtig als gelangweilten Routinier, den der Erfolg satt und fett gemacht hat. „So, ham wa das auch“ ist sein Standardspruch, so als sei mit jedem Song eine lästige Pflicht abzuhandeln. Sein Publikum zu streicheln, liegt ihm nun mal nicht. Es durch Mitsingen einzufangen umso mehr. Auch wenn das gemeinsame Volksliedersingen hier deutlich knapper ausfällt als bei seinen Waldbühnen- und Wuhlheide-Konzerten.

Ein Moment, bei dem einen das Lachen gefriert

Auch Hip-Hop ist nicht nur nach Grebe Musik aus dem Volke, hingebungsvoll analysiert er die Musiktexte auf dreckige und saubere Endreime. Und in „Dirk“, einer schönen Jugendballade, setzt er einem Kumpel ein Denkmal, der schon Grandmaster Flash hörte, als er selbst noch Reinhard Mey verehrte.

Und dann ist da dieser Moment, in dem einem beim Lachen das Blut gefriert. Grebe erzählt fast nebenbei von seinem Afrika- Abenteuer, er macht keine Riesensache daraus, ja er scherzt sogar über die Gefahrenzulage, die es angeblich für Mitarbeiter des Goethe-Instituts gibt. Alles habe damit angefangen, dass ihn eine alte Freundin, inzwischen Direktorin des Instituts in Abidjan, gefragt habe, ob er den Volksmusik-Workshop machen wolle, hat er zuvor nur erzählt.

Doch dann kommt es: „Henrike ist im März ermordet worden, zufällig, zusammen mit 15 anderen am Strand, niedergemäht von Islamisten.“ Natürlich, Henrike Grohs, das ging durch alle Zeitungen. Aller Rampensau-Furor fällt von Grebe ab, im letzten Drittel ist er ein wortwitziger, gesellschaftsanalytischer, aber auch verletzlicher Sänger. „In drei Jahren ist es womöglich normal, jemanden zu kennen, der bei einem Attentat ermordet wurde“, mutmaßt er leise. Ratlos klingt das, fast bitter.

Wühlmäuse, bis 15. 1. (ausverkauft)

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