Rainer-Merkel-Buch "Das Unglück der Anderen" : Süchtig nach Krise

Kosovo, Liberia, Afghanistan: Rainer Merkel über „Das Unglück der anderen“ – und das eigene.

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Im Jahr 2009 nahm Rainer Merkel eine Auszeit vom Schreiben. Ein Jahr lang baute er für Cap Anamur in Liberias Hauptstadt Monrovia das einzige psychiatrische Krankenhaus auf. Häufig erkundigten sich bei ihm westliche Besucher mit schlecht verhohlenem Voyeurismus nach traumatisierten Bürgerkriegsopfern oder ehemaligen Kindersoldaten. Merkel entgegnete dann stets, davon hätten sie hier keinen einzigen. „Leute, die auf der Suche nach dem Trauma waren, konnte ich nicht ertragen“, erinnert sich Merkel in seinem Buch „Das Unglück der anderen“. Die „Anmaßung und Selbstgerechtigkeit“ jener Besucher stießen ihn ab. Zwei Jahre und ein gescheitertes literarisches Projekt später begibt sich Merkel selbst auf die Suche nach dem „Trauma“, diesem Passepartoutbegriff unserer „Freud’schen Kultur“ (Eva Illouz). Und zwar erstmals nicht als Roman-, sondern als Reiseschriftsteller.

Als solcher irrt Merkel erst durch den Kosovo, dann nochmals durch die Straßen Monrovias und anschließend durch Afghanistan. Und erscheint dabei in seiner wachsenden Desorientierung wie die Karikatur eines deutschen Autors auf der Suche nach Erfahrung. Beladen mit den Erinnerungen an seine einjährige Auszeit, hetzt Merkel von Gespräch zu Gespräch, trifft Kinderpsychologen, Bundeswehrsoldaten und lokale Politiker. Spricht mit jedem NGO-Mitarbeiter, Exilheimkehrer oder Patienten, dem er begegnet. Besucht Mental-Health-Einrichtungen, die Pubs der Internationalen und surreal anmutende Containerdörfer. Nimmt spontan an einem Zehnkilometerlauf durch Monrovia teil und stürzt anderntags mitten in der Nacht in ein zwei Meter tiefes Straßenloch.

Alles vergeblich. Was er zu finden hofft, die „Essenz des Traumas“, ist einfach nirgends zu fassen. Da hilft auch nicht die Kenntnis der einschlägigen Literatur, von Judith Butlers „Narben der Gewalt“ bis Stephen Ellis’ „The Mask of Anarchy“. In einer der stärksten Passagen dieser Berichte sitzt Merkel mit Helm, Gehörschutz, Schutzbrille und -weste im Fuchspanzer auf Patrouille, murmelt gleichsam als Selbstbeschwörung: „Afghanistan. Ich bin draußen. Das ist es also.“ Und sieht in Wahrheit – nichts. Nichts außer dem, was die „Realitätsaufbereitungsprogramme“ auf den Monitoren der Besatzung anzeigen.

Kein Wunder also, dass der Autor im Lauf seiner Recherchen immer verzweifelter wird – und der Leser immer ungeduldiger. Kurz vor der Rückreise erleidet Merkel im ISAF-Schlafsaal sogar eine Panikattacke: „die nackte Angst, nichts erlebt zu haben und nichts zu haben, über das ich schreiben kann (…). Ich habe bis zur letzten Sekunde alles gegeben.“

Immerhin hat Merkel so viel zu erzählen, dass das Buch fast doppelt so umfangreich wurde wie vom Verlag zunächst angekündigt – offenkundig der Fall einer außer Kontrolle geratenen Recherche und trotz glänzender Szenen und Passagen als Ganzes eine Lesetortur. Und doch auch wieder, als literarisches Projekt, ein ungemein faszinierendes Werk. Denn wenn die Psychologen Recht haben und ein Trauma ein aufgrund eines unbewältigten Erlebnisses desintegriertes Teil der Psyche ist, das eine anhaltende, unerklärliche Trauer bewirkt – dann lässt es sich in keiner Realität, an keinem noch so verwüsteten Ort der Welt „finden“. Sondern letztlich nur in sich selbst. Auch Rainer Merkel begegnet ihm dort, genauer: im Verschiebebahnhof der eigenen Erinnerungen, vom Wehrmachtsvater aus Kindheitstagen bis zu den Monaten in Liberia im Jahr 2009.

Für eine solche Begegnung bedarf es aber auch einer entsprechenden formalen Gestaltung: „Es ist eine Geschichte, die nicht chronologisch erzählt werden kann, die keinen stringenten Aufbau, keine richtige Abfolge hat und die nichts davon verrät, was der Betroffene im Augenblick der Katastrophe empfindet. Dieser Augenblick hat kein Empfinden, keine Gefühle, kein Gedächtnis. Dieser Moment ist ausgelöscht.“ Dabei erinnert die Vermischung von Zeitebenen, das parallele Erzählen mehrerer Begebenheiten, die Inszenierung von Überblendungseffekten und solchen der wechselseitigen Kommentierung an Merkels großen Roman „Lichtjahre entfernt“ von 2009; wie dort führen sie auch hier zu einer Vertiefung und Dehnung der Zeit, während sie dem Berichterstatter in der Gegenwart davonläuft.

„Das Unglück der anderen“ ist daher das eindrucksvolle Zeugnis einer Krise, und zwar einer Krise in vielerlei Gestalt. Das Buch dokumentiert nicht nur die Schreibkrise des Autors Rainer Merkel, der seit seinem Romandebüt „Das Jahr der Wunder“ (2001) zur ersten Reihe der deutschen Gegenwartsautoren gehört. Sondern auch eine Krise des Helfens. Was als Buch über Patienten mit posttraumatischer Belastungsstörung geplant ist, entwickelt sich, ausgehend vom eigenen Fall, zu einer Studie über die Helfer. Schon früh kommt Merkel der Verdacht: „Wenn hier jemand traumatisiert ist oder zumindest kurz davor steht, traumatisiert zu werden, dann sind es die Internationalen. Oder: Sie geben sich zumindest die größte Mühe, so zu erscheinen.“

Die NGO-Helfer, mit denen er spricht, scheinen alle kurz vor dem Burn-out zu stehen. Sie sind entweder irgendwo hängengeblieben oder ziehen von Mission zu Mission, auf der Suche nach einer Erfahrung, die das eigene Unglück vergessen lässt. Indem er sich für das Krankenhaus und seine Patienten restlos verausgabte, erlebte Merkel 2009 an sich selbst diesen „undefinierten Rauschzustand“. Er hatte das Gefühl, „man könne noch so viel tun und arbeiten, die Probleme würden sich doch niemals lösen lassen, und dass das komischerweise gerade das Tolle daran sei.“

Eine Suchterfahrung, die frappierend an eben jenen von den Wundern der New Economy handelnden Debütroman erinnert, in dem die Hauptfigur in einer Start-up-Werbeagentur überaus fröhliche Selbstverausgabung betreibt. Rainer Merkels neues Buch dokumentiert daher auch die Krise einer ganzen Generation. Oliver Pfohlmann

Rainer Merkel:

Das Unglück der

anderen. Kosovo,

Liberia, Afghanistan. S.-Fischer-Verlag, Frankfurt/Main 2012. 478 S., 22,90 €.

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