Kultur : Rainer Werner Fassbinder: Er wollte nur, dass wir ihn lieben

Peter W. Jansen

Berlin hatte es diesem Urbayern, anders als Herzog oder gar Achternbusch, Berlin hatte es ihm angetan. Seine Kurzfilme waren in Oberhausen gelaufen, und "Katzelmacher" war für Mannheim programmiert, aber "Liebe ist kälter als der Tod", seine Annäherung ans amerikanische Kino, sein "Außer Atem", sollte im Zoo-Palast Premiere haben. Und dann saß man in der Nacht vom 26. auf den 27. Juni 1969 mit dem 24-Jährigen bis zum Morgengrauen in einem Café am oberen Kudamm, draußen natürlich in jenen glorreichen Jahren, als Sommer und Berlinale, Berlinale und Sommer noch Synonyme waren.

Oder man traf diesen Rainer Werner Fassbinder in der Welserstrasse, im "Arsenal", wo schon so etwas wie die erste Retrospektive des jungen Genies und Vielfilmers lief, "Götter der Pest" müsste darunter gewesen sein, vielleicht auch schon "Rio Das Mortes", und der Filmemacher mit der undeutlichen Aussprache, die eine Hasenscharte vermuten ließ, er lernte erst, mit anderen als mit den Seinen zu debattieren. Denen, seiner Schwabinger "Gruppe" des "antiteaters", schien er jedesmal entkommen zu wollen, wenn es ihn, wie später nach Paris und New York, nach Berlin, West-Berlin trieb. Wohin er selbst sie andererseits mitnahm, weil er, lange ging das so, ohne drei bis acht Begleiter nicht sein konnte. Und ohne den Zoff, den sie miteinander hatten, ob nun an der Isar oder an der Spree.

Mit 24 schon ein Junggenie

Bei der Premiere seines exaltierten Western-Melos "Whity", des dritten von sieben (!) Filmen, die er 1970 gemacht hatte, kam es im Zoo-Palast zu tumultuösen Szenen. Sie waren, wie man später erfuhr, nur ein Reflex des Krachs, der Tränen und der Prügel, die es während der Dreharbeiten gesetzt hatte. Vielleicht hat Fassbinder vor allem deshalb "Whity" gehasst und darauf einzuwirken verstanden, dass der Film später kaum noch einmal gezeigt worden ist. Und das filmische Therapeutikum, die "Warnung vor einer heiligen Nutte", dieser Schlüsselfilm, den man in einer Art von Gruppentherapie in einem Hotel in Sorrent drehte, wollte, für die Truppe, nicht mehr funktionieren. So deutlich zeigt Fassbinders Film übers Filmemachen, dass ein herrschaftsfreies Zusammenleben sowenig gelingen kann wie vollkommene Gleichberechtigung in der Kunstproduktion. Auch wenn sie, in wechselnden Besetzungen, weiter miteinander arbeiten sollten: Die Künstlerkommune gab es nicht mehr. So wenig wie ironischerweise zwei Jahrzehnte lang ihr letzter gemeinsamer Film; denn im Eifer des Gefechts war versäumt worden (und hatte der Filmemacher nicht die finanziellen Reserven), die notwendigen Musikrechte (unter anderem Elvis Presley und Spooky Tooth) für die "Warnung" zu erwerben. Das war ein Fehler, der erst nach dem Tod von RWF durch die Fassbinder Foundation "geheilt" werden konnte.

Unterdessen kam Fassbinder, lange bevor er sich nach Cannes (mit "Angst essen Seele auf") und nach Venedig (zuletzt noch, da war er schon tot, mit "Querelle") einladen ließ, immer wieder nach Berlin. "Warum läuft Herr R. Amok?" war genauso im Zoo-Palast zu besichtigen wie bald darauf "Der Händler der vier Jahreszeiten", der Film des Hans Epp, der, als er sich systematisch zu Tode säuft, schon längst an gebrochenem Herzen gestorben ist. Ob Herr R. seine Frau, seinen Sohn und die Nachbarin erschlägt (und sich tags darauf in der Toilette seines Betriebs erhängt) oder Hans Epp schon zu gar keinem Widerstand und Protest mehr fähig ist - beide sind von jenem unheilvoll heiligen Autismus verstrahlt, den die Enge der Verhältnisse produziert.

Passionsgeschichten in Wohnküchen

Diese Enge des proletarisch-kleinbürgerlichen Lebens ist im deutschen Film nirgendwo sonst so eindringlich geworden. Fassbinder baute seinen Passionsgestalten ganz enge Räume, Wohnküchen vor allem, oder auch Schlafzimmer, in denen die Möbel jeden freien Schritt, jeden freien Gedanken verstellen. Bis hin zu "Mutter Küsters Fahrt zum Himmel" blickt seine Kamera darauf, als werde auch sie durch die beschränkten Verhältnisse des Atems beraubt. Mit fast jeder Einstellung vermittelt sie die Nachricht, dass es hier keinen anderen Blick geben kann als genau diesen. Für Fassbinders Ästhetik und seine künstlerische Moral ist das von entscheidender Bedeutung: Dass es keine beliebigen Blicke gibt. Eine Einstellung ist eine Einstellung, der filmsprachlich-technische Begriff eine moralische Kategorie, ein kategorischer Imperativ.

Das trifft auch auf die nächsten Berlinale-Filme zu, auf "Fontane Effi Briest" - in dem schönsten Schwarzweiss jener allzu bunten Jahre - und "Die Ehe der Maria Braun". Dass die Maria Braun 1979, da spielte man die Berlinale schon längst im Winter, nur als zweiter Sieger durchs Ziel ging (hinter "David" von Peter Lilienthal), hat Fassbinder so sehr verletzt, dass er drei Jahre später schon keine rechte Freude mehr daran haben konnte, als er endlich für "Die Sehnsucht der Veronika Voss" den Goldenen Bären bekam. Da war er schon fast zum Berliner geworden, Ende der siebziger Jahre, als er nach seinem tollkühnen Beitrag zum Omnibus-Film "Deutschland im Herbst" kurzen Prozess machte mit den Restbeständen von Terrorismus und dem Staat, denen er in der "Dritten Generation" Komplizenschaft unterstellte. Da der Sender (WDR) wegen des riskanten Plots mit der Zahlung zögerte, drehte RWF zunächst auf eigenes Risiko: in einer Etage des Europa-Centers, treu seinem Motto: "Ich werfe keine Bomben, ich mache Filme."

Kurz darauf begannen die Dreharbeiten zum Mammutwerk "Berlin Alexanderplatz" (Juni 79 bis April 80), das teilweise auf dem Gelände der Bavaria in München gedreht wurde und teilweise in Berlin. "Berlin Alexanderplatz" konnte nur nach einer Planung entstehen, die jeden Generalstab vor Neid erblassen lassen musste. Fassbinder hatte seine Filme schon komplett im Kopf, wenn er sie zu drehen begann, Einstellung für Einstellung. Deshalb konnte er schneller arbeiten als jeder andere, und mit weniger als drei Filmen im Jahr gab er sich nur ungern zufrieden. Bevor er dreißig wurde, hatte er den Ehrgeiz, für jedes Lebensjahr einen Film vorweisen zu können. Als er - am 10. Juni 1982 - mit 37 starb, hatte er mit 41 Filmen schon sein eigenes Leben überrundet.

Er war von der Angst besessen, nicht fertig zu werden mit der Arbeit. Deshalb hatte ausgerechnet er, dessen Privatleben oft genug "unordentlich" war, sich zum ordentlichsten Organisator seiner Arbeit entwickelt. Und um so arbeiten zu können, oft auch mehrere Tage und Nächte lang ohne Schlaf, war ihm jedes Mittel recht, das ihn wachhalten konnte, auch jede Droge. Denn die Arbeit, vor allem das Filmemachen, war für ihn das Leben selbst. Beim Filmemachen, das immer auch die Organisation von anderen bedeutet, musste er, der nie wirklich erfahren hatte, was eine Familie ist, mit anderen wie in einer Familie zusammensein. Doch was ihn und seine Freunde umtrieb, war die bittere Erfahrung, dass Liebe Abhängigkeiten schafft, und dass derjenige, der mehr liebt, stets der Unterlegene ist. "Die bitteren Tränen der Petra von Kant" werden deswegen vergossen, "Faustrecht der Freiheit", "Angst essen Seele auf" und "Chinesisches Roulette" handeln von nichts anderem, und nur er konnte einen Film machen, der hieß "Ich will doch nur, dass ihr mich liebt". Unter allen Filmemachern seiner Zeit, und zumal unter den deutschen, war er es, der im Kino, in dieser Hochburg der Sehnsüchte, Illusionen und Träume, wieder von Gefühlen zu sprechen unternommen hat. Er hat das Melodram rehabilitiert - und es gesellschaftskritisch in Dienst genommen. Er hat der Bundesrepublik Deutschland, der alten, das Psychogramm ihrer Gefühlskälte ausgestellt. Man muss nur seine Filme sehen, um zu wissen, dass man sich in diesem Land über nichts wundern darf.

Das Filmkunsthaus Babylon Mitte und das Arsenal zeigen ab dem 2. August 15 Filme von Rainer Werner Fassbinder. Die zweiwöchige Werkschau wird heute abend um 20.30 Uhr von Juliane Lorenz (Fassbinder Foundation) im Babylon eröffnet, anschließend läuft "Liebe ist kälter als der Tod".

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