Kultur : Ran an den Mann

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"Tanz ist die Kunst unseres Jahrhunderts", befand Maurice Béjart - und arbeitete sich zum Gesamtkunstwerker unter den Choreografen empor. Am 1. Januar feiert der Wagner des Tanzes seinen 75. Geburtstag: ein begnadeter Dramatiker, geprägt durch "den Dunstkreis der deutschen Philosophie", den er bereits in seinem Elternhaus kraftvoll durchschritt. "Tänzer lesen keine Bücher. Sie lernen mit ihrem Körper", sagte Béjart und lächelte. Er las ja für sie, suchte immer nach literarischen Anregungen, griff nach metaphysischen Höhen. Dabei begann seine Karriere mit einem handfesten Skandal: 1959 gab Béjart nicht nur eine beckenbetonte Einlage auf dem Berliner Operball (unser Foto), sondern ließ das "Sacre du printemps" in einer Massenkopulation unter blauem Himmel gipfeln. Da galt ihm die sexuelle Revolution noch als universelles Heilmittel - und ihre Fahnenträger waren Béjarts Tänzer. Er entwickelte Männerrollen von choreografischen Dienstleistern hin zu großen Liebenden und Leidenden. 1996 schuf er einen Hommage auf Weggefährten, die an Aids verstarben. Seine künstlerische Freiheit hat Béjart stets harsch verteidigt. So gab er der Berliner Staatsoper einen Korb und blieb mit seiner "Rudra"-Compagnie und -Schule lieber in Lausanne.

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