Kultur : Rare Gaben

CARLA RHODE

Wenn es um die Darstellung der kindlichen Psyche geht, ist dafür wohl kaum ein Regisseur geeigneter als Jacques Doillon.Die meisten seiner Filme umkreisen dieses Thema.Zum Beispiel "Ein kleines Luder", "Der kleine Gangster" und "Le jeune Werther".In allen geht es um die Probleme von Kindern und Jugendlichen mit ihrer Umwelt und den eigenen Gefühlen.Die Erwachsenen werden dabei als weitgehend hilflose Erscheinungen dargestellt, hilflos gegenüber Situationen, in denen Beistand und Trost nötig sind, wenn junge Menschen mit der Verwirrung der Gefühle nicht mehr fertig werden.

Daß viele Kinder sich dennoch helfen können, und zwar ganz allein, unterstützt lediglich von der Solidarität anderer Kinder, erzählt Doillon mit der Geschichte der vierjährigen Ponette (Victoire Thivisol).Sie hat ihre Mutter bei einem Autounfall verloren und kann die Tragweite des Geschehens überhaupt nicht fassen.Ponettes Verzweiflung steht dabei für jene altersunabhängige Krise, in die Menschen beim Verlust eines geliebten Lebenspartners fallen."Ich tröste uns beide", erklärt Ponette zwar ihrem verzweifelten Vater, doch soviel Stärke besitzt sie nicht, noch nicht.

Halt will ihr eine Tante mit der Erzählung von der Auferstehung Christi verschaffen, und Ponette interpretiert sie auf ihre eigene Weise: sie glaubt fest daran, daß die Mutter nicht in den Himmel, sondern auf die Erde zurückkommt.Sie wehrt schließlich, tief enttäuscht, ähnliche Tröstungsversuche ab.Mit Cousin und Cousine und den Kindern in einem Feriencamp kommt Ponette dagegen besser klar.Trotzdem, das Mädchen bleibt ernst und in sich gekehrt und bricht in verzweifeltes Schluchzen aus, wenn es sich alleine glaubt."Ich will sterben!"

Was die kleine Victoire Thivisol in dieser Rolle leistet, ist absolut verblüffend.Ihre tiefe Trauer wirkt vollkommen authentisch, dicke Tränen kullern ihr übers Gesicht, wenn es Ponette mit ihrer Sehnsucht nach der Mutter nicht mehr aushalten kann; in Venedig gewann Victoire 1996 den Preis für die beste Darstellerin! Jacques Doillon besitzt die seltene Fähigkeit, Kinder zu natürlichem Spiel zu animieren.Voraussetzung dafür dürfte wohl die rare Gabe sein, sich in die Gefühlswelt der Kinder hineindenken, ihre Perspektive einnehmen zu können.Große Faszination von kindlicher Unschuld und Stärke schwingt dabei mit.Daher mag auch Doillons Zuversicht rühren, daß das todessüchtige Kind seinen Lebensmut zurückgewinnen kann.Der Schluß zeigt, wie Ponette in einer visionären Begegnung mit der Mutter (Marie Trintignant) deren Tod tapfer akzeptieren lernt: "Das Leben soll siegen!"

Filmbühne am Steinplatz (OmU), fsk (OmU)

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