Rasanter Debütroman „Tierchen unlimited“ : Bock auf Kadaver

Auf Krawall gebürstet: Tijan Silas Debütroman „Tierchen unlimited“ ist ein rasanter Trip voller schneller Pointen und von der Bösartigkeit eines Thomas Bernhards.

Tilman Strasser
Tijan Sila, geboren 1981 in Sarajevo, emigrierte als Jugendlicher vom Balkan in die deutsche Provinz. Heute lebt er als Berufsschullehrer in Kaiserslautern. „Tierchen unlimited“ ist sein Debütroman.
Tijan Sila, geboren 1981 in Sarajevo, emigrierte als Jugendlicher vom Balkan in die deutsche Provinz. Heute lebt er als...Foto: © Sven Paustian

"Ich floh nackt und blutend auf einem Rennrad“ – so beginnt ein Parforceritt. Nicht nur durch die pfälzische Nacht. Die endet für den jungen Mann auf dem Polizeirevier, wo er seinem alten Schwarm Sarah erklären muss, dass ihn der Neonazi-Bruder einer neuen Flamme vermöbelt hat. Doch bald muss er für Sarah bereits eine weitere Ex-Affäre ausspionieren, seinen Nebenjob als Einbrecher verheimlichen, Studium und Liebesleben auf die Reihe kriegen. Und als wäre das nicht genug, suchen ihn Bilder aus Bosnien heim, eine Kindheit im Krieg, eine abenteuerliche Flucht aus Sarajevo.

In Tijan Silas Roman „Tierchen unlimited“ überschlagen sich Ereignisse und Erinnerungen. Während der Held sich aber noch manche blutige Nase (und schlimmere Verletzungen) holt, behält Sila auf der wilden Hatz den Überblick. Sila emigrierte selbst als Jugendlicher vom Balkan in die deutsche Provinz. Heute lebt er als Berufsschullehrer in Kaiserslautern und kann so herrlich über „Hoyerswerda, Cottbus, Mücheln, Plauen“ und andere „verlauste Achselhöhlen“ herziehen, dass es fast die Qualität einer Thomas-Bernhard-Suada hat.

Großtmöglicher Abstand zu Betroffenheitsliteratur

Doch Städtebeschimpfung steht nicht im Fokus seines Textes. Vielmehr geht es um das Dasein als amoralisches Geschöpf. Auf einem Müllberg in Sarajevo beobachtet der Erzähler Eichhörnchen, die eine tote Katze zerfetzen – und erlaubt sich einen seltenen Ausflug ins Pathos: „Tierchen haben keine Vorstellung vom Tod. In ihren Schädeln schwappt eine Mischung aus Jetzt und Ewigkeit“. Um gleich hinzuzufügen: „Und kleine Gedanken wie: ‚Gnarf, Gnarf, geiler Katzenkadaver.'“ Die flotte Pointe ist typisch für Silas Stil. Wie die Eichhörnchen macht auch sein Held bald keine Kompromisse mehr, wenn es ums Überleben geht.

Nur, dass er den Survival-Modus beibehält, als die Familie längst in der sicheren BRD lebt. Dem Braten nämlich traut er nicht: „Melanies Gewaltjargon war mir ein wichtiges Indiz dafür, dass die Deutschen trotz des vielen Demokratiegelabers genauso fiese Bestien waren wie der Rest Europas.“

Wer untergründige Verletzlichkeit, gar Trauma-Aufarbeitung und düstere Gesellschaftsanalyse erwartet, wartet allerdings lang. „Tierchen unlimited“ hält größtmöglichen Abstand zu Sentimentalität und Betroffenheitsliteratur. Das geht damit los, dass der Autor unter anderem Namen schreibt, weil ihm sein wirklicher zu sehr nach Balkanfolklore klingt. Und es gipfelt in der Schilderung der Flucht: Da verlässt ein versprengtes Grüppchen unter erbärmlichen Bedingungen die belagerte Heimatstadt.

Das feinsinnige Konstrukt hinter dem Splatter

Doch die Erzählung konzentriert sich auf ihre im Krieg gesunkene Fruktosetoleranz. Hinter der Landesgrenze finden sich erstmals seit Jahren wieder „Melonen und Bananen“ – und damit die Möglichkeit, das Elend mit einem derben Gag zu überpinseln: „Der Bus musste alle dreißig Minuten anhalten, damit wir ins kroatische Gestrüpp kacken konnten. Die Lautstärke so einer Gruppe von Scheißenden war erstaunlich: Ächzen, Klagen, Sprühen, nasses Pfeifen.“

Gerade weil dem Roman nichts heilig und nichts zu billig ist, macht er tatsächliche Gräuel fassbar. Wenn der Junge am Ufer der Miljacka herauszubekommen versucht, warum badende Mädchen und „ihre Brüste, die unter nassen T-Shirts traurig über Rippenkäfigen und spitzen Hüften“ hängen, seine Altersgenossen begeistern, steckt darin die ganze Groteske einer Pubertät im Krieg. Und wenn der junge Mann in Hassloch von Nazis genötigt wird, sie zu einer Prügelei zu kutschieren, fasst er sein Dilemma in markant divergente Beobachtungen: „Ihre Schweinsäuglein strahlten mit einer Erhabenheit, die nur äußerst dumme Menschen empfinden können.“ Apropos Nazis: So ziemlich jede Frau, in die sich der Held verguckt, hat einen faschistischen Bruder. Doch ist das nur eines von vielen Signalen, die das feinsinnige, surreal angehauchte Konstrukt hinter dem Splatter anzeigen.

Plot und Sprache treten lustvoll in die Pedale

Lediglich Sarah hat keine bedenklichen Geschwister. Als Polizistin hilft sie dem Erzähler aus der anfänglichen Patsche. Zuvor noch hat sie den schmächtigen Neuankömmling in den Kraftraum mitgenommen und halb kämpferisch, halb erotisiert auf die Matte gedrückt. Doch bis die abstruse Liebesgeschichte ihren Höhepunkt findet, treten Plot und Sprache Silas lustvoll in die Pedale. „Tierchen unlimited“ ist gewitzt und auf Krawall gebürstet, und bis in den schlau verklärenden Epilog hinein bleibt dieser Roman ein rasanter Trip.

Tijan Sila: Tierchen unlimited. Roman. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2017. 224 Seiten, 18 €.

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