Kultur : Rasende Linien

PETER HERBSTREUTH

Seit die letzte "documenta" der Malerei einen so geringen Wert zugestand, daß ihr Fehlen auch jenen als Mangel ins Auge sprang, die dem Medium gleichgültig gegenüberstehen, gewinnen Maler wieder an Boden.Zitate haben Konjunktur.Und die Gewinner werden zunächst jene sein, die mit vorhandenem Fundus gewitzt Überraschungen kombinieren können.Es ist eine Poetik der Konzepte, die Fragmente von Vorgängern selektiert und in übersteigerte und zerdehnte Zusammenhänge mischt.

Aber nichts ist wie zuvor.Die Maler mixen die Vorlagen wie die Djs die Platten, und heraus kommt ein unerhörter Sound, der die Augen zur Wachsamkeit überredet.Subjektivität wird als Rollenspiel inszeniert und Innerlichkeit vermieden.Es sind öffentliche Bilder: Figuren malerischer Leidenschaft von Profis.Zu früher Meisterschaft brachten es mit diesem Verfahren Fiona Rae, Daniel Richter, Michel Majerus, Stephan Jung, Pia Fries, Franz Ackermann.Und der 1968 in Helsinki geborene Jukka Korkeila wird ab jetzt dazugezählt.

In dunkelmetallene Malgründe legt er Linien wie kunstvoll arrangierte Spaghetti und dämonisiert die Szene mit einer rasenden Schlangenlinie, als fliehe ein Alien aus einer Explosion ins Weiß.Korkeilas Bilder wären ohne die populären Filme seit den 80er Jahren nicht möglich.Seine Malerei handelt aber stets vom Duktus des Malens und stellt ihn als Zitat dar.Alles ist kalkuliert - auch wenn die Farbe trieft, der Pinsel verrutscht, so ist dies nur Zeichen eines Zufalls, nicht der Zufall selbst.Korkeila hat überall Wiedererkennungseffekte eingebaut.Sie stellen leicht verfremdet schöne oder schauerliche Stellen der Pop-Kultur mit der ironischen Malweise von David Reed dar und reflektieren die Bilder solchermaßen, daß manbei ihrem Anblick nicht mehr weiß, ob es sich um Parodie oder doppelte Ironie handelt.

Korkeila hantiert wie viele Maler virtuos mit Maltechniken.Vom Nachlassen handwerklicher Fertigkeiten ("deskilling"), das vor Jahren ältere Kritiker beklagten, merkt man bei jüngeren Malern wenig.Offen gegenüber der Außenwelt und in sich selbst versponnen, versucht er Malerei als Vergnügen wider besseren Wissens so rational wie möglich und so irrational wie nötig zu halten: Balance als Ideal.

Galerie Gebauer, Torstraße 220, bis 2.Oktober; Dienstag bis Sonnabend 12-18 Uhr.

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