Kultur : Rasender Stillstand

Euphorie unter Disco-Kugeln: ein begeisterndes Konzert von The Whitest Boy Alive im Lido

Gerrit Bartels

Ein großer Andrang erfordert außergewöhnliche Maßnahmen: Weil sich im Vorfeld abgezeichnet hatte, dass das Konzert von The Whitest Boy Alive am Freitagabend im Lido ausverkauft sein würde, entschlossen sich Veranstalter und Band, ein weiteres Konzert im rund sechshundert Menschen fassenden Lido anzusetzen – in der gleichen Nacht, um halb eins, ein zweites Mal Showtime für The Whitest Boy Alive. Das passt insofern auch gut, da Auftritte dieser Band keine gewöhnlichen Konzerte sind, mit dreizehn, vierzehn Stücken, zwei Zugaben und dann Licht an, Ende aus. Sondern eine Art House- und Disco-Session, in der die Tracks zwanglos ineinander übergehen und das Publikum sich plötzlich in ansteckender Club-Atmosphäre wiederfindet und sich dementsprechend verhält: Es nickt nicht mehr bloß verdruckst mit dem Kopf, nein, es feiert und tanzt, und zwar gelöst.

The Whitest Boy Alive sind die Indie-Rockband für den Clubgänger oder die Clubband für den Rockkonzert-Liebhaber – je nach Gefallen und ganz den zwei Welten verpflichtet, in denen sich der Vorturner der Band, der Norweger Erlend Øye, ohne puristische Abgrenzungszwänge bewegt. Mit seiner ersten Band Kings Of Convenience begründete er vor fünf Jahren das so genannte New Acoustic Movement. „Quiet Is The New Loud“ hieß sinnfälligerweise das Debütalbum von Kings Of Convenience, auf diesem gab es stille, von einer Akustikgitarre und Øyes wunderbar sanften Stimme dominierte Songs: Lagerfeuermusik für den urbanen Neo-Hippie.

Øye aber wollte bald mehr sein als nur Inspirationsquelle für Scharen von jungen Neo-Folk-Bands. Ihn zog es nach Berlin, wo er sich gleichermaßen in Indie- und Clubszenerien tummelte. Er ließ sich die Kings-Of-Convenience-Songs elektronisch frisieren („Versus“), veröffentlichte ein hinreißendes Soloalbum, dessen zehn Songs er von zehn Elektronikmusikern produzieren ließ („Unrest“), und spielte bald auch DJ-Sets, über die er seine eigene Stimme legte.

The Whitest Boy Alive ist nun der neueste Ausdruck von Øyes Umtriebigkeit, die Band gründete er vor zwei Jahren mit Marcin Oez, den Clubgänger als einstigen WMF-Resident DJ Highfish kennen, dazu stießen zwei weitere Berliner Musiker am Schlagzeug und an den Keyboards. „Dreams“ (BBE/Rough Trade), das vor zwei Monaten veröffentlichte Debütalbum von The Whitest Boy Alive, vereint gleichermaßen zwei Soundentwürfe. Einerseits ist es ruhig, entspannt, melancholisch verhangen. Andererseits lädt es ein zu selbstvergessenen Tanzeinlagen, da treibt Oez’ hochtönend knackiger Bass die Stücke nach vorn, dann wieder rudert Øye zurück mit seiner Gitarre und seiner tollen Stimme – ein interessanter Schwebezustand, ein glückselig machender Stillstand.

Auf der Bühne des Lido überwiegt naturgemäß der Disco-Aspekt, einige Stücke lassen sich in ihren alten Strukturen noch erkennen, die meisten aber sind weitestgehend daraus entlassen. Øye und Oez stehen im Zentrum der Bühne, spielen mit- und gegeneinander, picken und zirpen an ihren Saiteninstrumenten, unterstützt von sachten Keyboardläufen und einem zurückhaltenden Schlagzeug. Øye tanzt immer mal wieder eine Idee zu ungelenk mit seinen langen Armen herum und fixiert die im Lido hängenden Disco-Kugeln, Oez hält am Bass stoisch dagegen. Das erinnert in seinen wenigen schlechten Momenten durchaus mal an späte Style Council, an Working Week, an bemüht-ödes Muckertum, enthält dann wieder Spuren von Calypso- und Western-Sounds.

Schließlich aber löst sich das Ganze in ausgelassenstem, mit Metro-Area- und French-House-Anklängen versehenen Dance-Pop auf, zu dem man die ganze Nacht tanzen möchte und tatsächlich ja ein zweites Mal tanzen kann. Ein schönes Konzert, dessen Außergewöhnlichkeit im übrigen dadurch unterstrichen wird, dass Øye vorher seiner Stimme wegen ein vom Publikum dann auch größtenteils eingehaltenes Rauchverbot im Konzertsaal ausgesprochen hatte. Die Stimmung beeinträchtigt das nicht im geringsten.

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