Kultur : Raserei auf der Leinwand

PETER HERBSTREUTH

Cy Twombly feiert seinen siebzigsten Geburtstag - und taufrische MalereiVON PETER HERBSTREUTHSeine Unsterblichkeit ist gesichert.Die Stiftung de Menil in Houston hat Cy Twombly von Renzo Piano ein Museum bauen lassen, der Verleger Heiner Bastian hat ihm einen Werkkatalog erarbeitet.Dabei war Twomblys erste Ausstellung in Düsseldorf 1960 solcherart, daß Kritiker Gift und Galle spuckten: "Latrionogramme".Ganz unbeabsichtigt geriet sein Werk zum Skandal.Und hätte man damals die Hochachtung der Schrift bedacht, wie sie in jüdischen und islamischen Traditionen noch lebendig ist, wäre die Rezeption seines Werkes vielleicht ganz anders verlaufen.So aber sprach sein Werk vor allem Kenner und Liebhaber der Literatur an.Und noch heute kommen seine maßgeblichsten Sammler aus diesem Milieu, in dem mit guten Argumenten darüber gestritten wird, ob seine Schriftbilder gelesen oder gesehen werden sollen. Twombly hat den klassisch-humanistischen Kanon so sehr verinnerlicht, daß er mit zwei Wörtern, drei Strichen und einem Farbfleck eine ganze Welt lebendig machen kann.Verknappung, Tempo, Intensität, wie man dies nur von Mystikern kennt, machen ihn zum Meister der Andeutung und zum visuellen Poeten. Als er anläßlich der Retrospektive in der Neuen Nationalgalerie vor drei Jahren zur Pressekonferenz erwartet wurde, zog er es vor, im Pergamon-Museum zu verschwinden und sich der alten Welt auszusetzen.Abends erschien er dann zur festlichen Eröffnung mit beglücktem Lächeln.Es war kein Affront gegenüber der Mediengesellschaft, sondern eine Frage von Prioritäten.Twombly macht sich nicht zum Medienereignis, umso mehr als ein Künstler, der von sich sagt, er sei kein professioneller Maler.Ein Einzelgänger, der umgeben von Büchern, Kunstgegenständen und Möbeln aus alter Familie in ungeheizten Häusern lebt, entrückt der Zeit und fern von Geschäften. Vor nicht allzulanger Zeit, erzählt Twombly, sah er bei einem Ausflug in der Nähe von Gaeta bei Neapel plötzlich eine von der Sonne blutrot gefärbte Bucht, und sprang erschrocken aus dem Auto: Jetzt habe er den Beweis dafür gesehen, daß Plotin von realer Gegenwart sprach, als er in der Beschreibung der dyonisischen Bacchanalien Meer und Himmel blutrot vereint sah: Das Vergangene ist nicht vergangen. 1928 in Lexington (Virginia/USA) geboren lernt er als Zwölfjähriger das Werk von Klee und Soutine kennen, besucht das legendäre Black Mountain College und reist von dort mit Robert Rauschenberg 1951 nach Frankreich, Spanien, Marokko, Italien, wo er seine spätere Frau kennenlernt und sich 1959 endgültig niederläßt.New York hatte sich gerade als tonangebende Metropole für moderne Kunst etabliert.Aber Twombly wendet sich Alteuropa zu: den imaginären Orten der Literatur von Virgil, Catull, Keats, Mallarmé, Rilke, Pound, liest die "Illias", beschäftigt sich mit der Renaissance, mit Raffael, Poussin, Ingres.Das Klima der alten Welt erlebt er, vielfach gebrochen, wie vor ihm Aby Warburg und später Michel Foucault als Befreiung. Cy Twomblys Welt ist keine, die man ohne Malerei, Zeichnung, Skriptur sehen kann.Niemand kann sie photographieren.Diese Welt lebt erfahrungssatt und taufrisch zwischen Erinnerung und Vorstellung und kann nicht durch die Augen erfahren werden, wenn nicht wenigstens Partikel im Erfahrungsschatz angelegt waren.Nicht das Bild vor Augen, sondern die Vertrautheit mit dem Referenten (Virgil, Homer), die sich aus Gewohnheiten und Erfahrungen gebildet und in das Gedächtnis des Körpers eingeschrieben hat.Warum? "Twomblys Thema ist die subjektive Durchdringung," sagte Heiner Bastian gestern im Gespräch."Was in den Bildern dann erscheint, ist so alt wie die Mythen, aus denen sie entstehen, und so alt wie das Auge der Betrachter." Die Aktivität der Erinnerung, nicht die Trägheit des Gedächtnisses führt Twomblys Hand.Erinnerung geht, wohin sie will.Mit dem Gedächtnis läßt sich rechnen.Daher bisweilen die Raserei auf der Leinwand im Kampfeszustand."Rache des Achill" heißt das Bild eines blutbesudelten pyramidal aufragenden A: der erste Buchstabe, mit roher Eleganz nocheinmal beglaubigt.

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