Kultur : Rassenunruhen in England: Entzündet

Hendrik Bebber

Zwei Nächte mussten sie hinaus, zwei Nächte, die sie nicht so schnell vergessen werden. Und vielleicht werden weitere folgen. Die Polizisten in Oldham nahe Manchester hatten in den letzten beiden Tagen für viele externe Beobachter überraschend Großeinsatz. Am Ende der ersten Gewaltnacht hatte der sichtlich konsternierte Polizeichef Eric Hewitt noch gesagt: "Wir haben beispiellose Szenen von Gewalt gesehen, Szenen, die wir nie wieder sehen wollen." Doch die Szenen wiederholten sich auch in der Nacht zum Montag, 70 Menschen wurden festgenommen, 15 Polizisten wurden verletzt bei den Straßenschlachten, die sich asiatische und rechtsgerichtete Jugendbanden mit der Polizei lieferten. Tony Blair, Großbritanniens Premier, hatte am Rande einer Wahlkampftour seine Erklärung schnell parat: Die Gewalt sei "untypisch für die Beziehungen zwischen den Rassen in Großbritannien". Die Mehrheit wolle in "Frieden und Harmonie" zusammenleben. Grafik: Oldham auf der Landkarte Es sind diese raren heißen Nächte im englischen Sommer, die die Polizei fürchtet. Wie in den frühen 90er Jahren steigt mit dem Thermometer die Gefahr rassistischer Gewalt in den Städten des Königreiches. Diesmal also Oldham, die abgetakelte Industriestadt. Hier hat Blairs "New Deal", der jugendlichen Arbeitslosen zu einem Job oder einer Ausbildung verhilft, nicht durchgeschlagen. 40 Prozent der jungen Leute sind ohne Stelle. In diesem Klima gedeihen Vandalismus, Kleinkriminalität und Rassenhass. Die Polizeistatistik verzeichnete im Jahr 2000 hier 600 rassistisch motivierte Übergriffe. Für 60 Prozent davon seien asiatische Jugendliche verantwortlich.

Eine Sprecherin der Organisation für Bürgerbeziehungen spricht von einer statistischen "Schieflage": Ein Großteil der gegen die Bevölkerungsgruppe vom indischen Subkontinent verübten Gewalttaten würden gar nicht gemeldet, da die Opfer kein Vertrauen in die Polizei hätten.

Ohne Zweifel aber wurde das spektakulärste Verbrechen von einer Bande "asiatischer" Jugendlicher begangen: Sie schlugen letztes Jahr einen weißen Rentner so zusammen, dass dieser eine kosmetische Operation für seine Entstellungen brauchte. Die neofaschistische Organisation "National Front" machte den 73-jährigen Kriegsveteranen ohne seinen Willen zum Märtyrer ihrer Sache. Ein Riesenpolizeiaufgebot konnte die aus ganz England angereisten Skinheads an einer Demonstration in Oldham hindern. Doch die Rechtsextremisten hatten zur Revanche aufgerufen. Ihre Rechnung ging auf: Besoffene weiße Fußballfans krakelten am Wochenende vor einem pakistanischen Laden, schmissen Scheiben ein und demolierten Autos. Sie verschwanden bevor die Polizei eintraf. Nach Einbruch der Dunkelheit schlugen etwa 200 Jugendliche zurück. Sie griffen ein Pub an, dass ausgerechnet den Namen "Leben und leben lassen" trägt. Die Gäste, darunter einige nichtweiße Briten, entkamen durch den Hinterausgang, währen draußen die Jugendlichen mit Hämmern auf das Panzerglas der Eingangstür schlugen. Die Polizei wurde mit einem Steinhagel und Molotowcocktails empfangen.

Soziologen warnten davor, dass die übersteigerte Asylantenhysterie der Konservativen rassistische Gewalttaten fördere. Im Wahlkampf hatten einige Abgeordnete die multikulturelle Gesellschaft Großbritanniens scharf kritisiert und vor der Gefahr einer "Mischlingsrasse" gewarnt. Auch Parteichef William Hague beschwor im Falle eines neuen Labour-Sieges, dass die Briten dann in einem "fremden Land" leben müssen. Rechtsextreme Hohlköpfe und Rassisten nehmen diese Wahlpropaganda wörtlich: Seit dem Wahlkampf haben sich rassistische Übergriffe verdreifacht.

Das scheint nur die rechtsradikale British National Party (BNP) nicht zu stören, die in Oldham Wahlkampf macht. Ihr Kandidat, Nick Griffin, nennt den Ausbruch von Hass und Gewalt "absolut unvermeidbar." Er sei Folge eines "Multi-Rassen-Experiments", das Oldham von den Politikern "aufgezwungen" worden sei. Er will, dass die Menschen in Oldham dem Beispiel von Belfast folgen und hinter "Friedenslinien" strikt nach Religion und Abstammung getrennt leben.

(Unter Verwendung von dpa)

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