• Rassenunruhen in England: "Wir müssen uns mehr um die Kinder der Ausländer kümmern". Experte Oberndörfer über deutsche und britische Zuwanderungserfolge

Kultur : Rassenunruhen in England: "Wir müssen uns mehr um die Kinder der Ausländer kümmern". Experte Oberndörfer über deutsche und britische Zuwanderungserfolge

Herr Oberndörfer[was haben die derzeitigen R]

Dieter Oberndörfer (71) ist Direktor des Arnold-Bergstraesser-Instituts der Universität Freiburg und Vorsitzender des Rates für Migration.

Herr Oberndörfer, was haben die derzeitigen Rassenunruhen in England zu bedeuten?

Man sollte sich da keine Illusionen machen: In Einwanderungsgesellschaften gibt es Konflikte. England ist eine Einwanderungsgesellschaft mit großen Minderheiten, die vor allem aus der Karibik und aus Bangladesch, Pakistan und Indien kommen. Zwischen ihnen und den Einheimischen hat es wiederholt Konflikte gegeben.

Woran entzünden die sich besonders häufig?

Meist sind es soziale Konflikte, die sich zusätzlich aufladen mit Gruppenfeindlichkeit. England hat eine spezielle Sozialstruktur. In den 60er und 70er Jahren kamen viele ungelernte Arbeitskräfte, ähnlich wie nach Deutschland. Und genau wie hier waren diese Gruppen von Rationalisierung und in der Folge von Arbeitslosigkeit betroffen. Zum Beispiel wurde die gesamte britische Schiffbauindustrie verschrottet. Hinzu kommt, dass die Zuwanderer weniger ausgebildet wurden, denn in England ist das System der Berufsausbildung schlechter als bei uns.

Dass wir Zuwanderung brauchen, hat sich ja mittlerweile herumgesprochen. Was müssen wir tun, um Konflikte dieser Art bei uns zu verhindern?

Man muss versuchen, die Zuwanderung zu mischen. Das wäre eben der Sinn eines Zuwanderungsgesetzes. Vor allem müssen wir auch qualifizierte Arbeitskräfte holen. Und diese müssen das Gefühl bekommen, dass sie hier auf Dauer erwünscht sind. Es ist extrem integrationsfeindlich, wenn man diesen Menschen das Gefühl gibt, dass sie nur vorübergehend bleiben können. Das hat man ja auch an den Gastarbeitern gesehen.

Ist das in England besser?

Im Unterschied zu uns ist die Zuwanderung dort im mittleren und oberen Bereich erfolgreich gewesen, es kamen viele Rechtsanwälte und Ärzte indischer oder pakistanischer Herkunft. Die Gegensätze und Auseinandersetzungen gibt es eher auf dem unteren sozialen Niveau. Dort ist England weniger integrativ als wir. Wir haben zum Beispiel mit unseren Sportvereinen ein erhebliches Integrationspotenzial.

Inwieweit sind Versäumnisse der britischen Politik mit schuld an diesem Ausbruch?

Es gibt auch in England Versuche, die Ausländer-Thematik hochzuspielen, zum Beispiel in dem Sinn, dass Ausländer den Briten die Arbeitsplätze wegnähmen. Da kommen auch rassistische Töne aus dem konservativen Lager hoch, und es gibt schlimmen Populismus. Bisher hat das den Konservativen aber keine Rendite gebracht - Blair steht in Umfragen ganz gut da. In England ist die Integration zum Teil sehr gut gelungen. Wir haben in der alten Industriestadt Leicester inzwischen eine asiatische Mehrheit im Stadtrat, ohne dass es deswegen irgendwelche Erschütterungen gibt.

Welche Forderungen müsste man an die deutsche Politik richten, um Derartiges bei uns zu verhindern?

Wir müssen uns mehr um die Kinder der Ausländer kümmern. Den Eltern muss klargemacht werden, dass ihre Kinder nur dann eine Zukunft in unserer Gesellschaft haben, wenn sie eine Ausbildung haben. Und da liegen große Versäumnisse. Wir haben uns bisher weder um die Kinder noch um die Eltern gekümmert.

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