Kultur : Rastloser Pate

KAI MÜLLER

Joe Zawinul ist ein verschlossener Mann, der seine Gefühle meist hinter mürrischen Blicken verbirgt. Aber dem Publikum des Quasimodo macht er Offerten wie ein verliebter Galan. Ihn verbinden gute Erinnerungen an den engen, stickigen Keller unter dem Delphi-Kino: Ein großer Teil seiner vor zwei Jahren eingespielten Erfolgs-Platte "World Tour" wurde hier aufgenommen. Als Zawinul jetzt mit einer fast unveränderten Besetzung zurückkehrt, läßt er sein Konzert mit hellen Glockenschlägen der nur einen Steinwurf entfernten St. Ludwigs-Kirche beginnen. Es soll eine Hommage sein. Zugleich ist "Success" - nach einem Gedicht von Erich Fried - auch eine Hymne des 67jährigen Keyboarders auf das Leben und den Hunger, den es auslösen kann. Noch immer verfügt der Mann über die Kraft für ein enormes Programm und tourt mit dem Zawinul Syndicate unermüdlich quer durch Europa. Nach seiner Grammy-Nominierung für das 1996 erschienene Album "My People" erlebt er einen zweiten Frühling. Im Gegensatz zu den meisten Heroen des Jazzrock hat sich der eigenwillige Synthesizer-Pionier ein Gefühl für Klangfarben und atmosphärische Spannungen erhalten, das ihn vor der Vergreisung bewahrt. Seine exzellente Band knüpft dort an, wo Weather Report hatte aufhören müssen: Sie spielt keine Songs, sie spielt mit der Zeit.Mit Manolo Badrena an den Percussions und Victor Bailey am E-Baß begleiten ihn zwei langjährige Mitstreiter, die das Gerüst aus afrikanischen, mal pulsierenden, mal schleichenden Funk-Rhythmen aufstellen. Der Algerier Karim Mourad Ziad am Schlagzeug und der in Brooklyn aufgewachsene Gitarrist Gary Poulson komplettieren das Syndicate, dessen Chef die Band wie ein Patron mit kurzen Handzeichen durch schwierige Passagen lotst. Noch immer strahlt seine eigenartige Spielweise, die sich wie eine Wolkenbank über einer erhitzten Ebene bildet, den Charme des Zufälligen und Unberechenbaren aus. Dabei sind es dieselben Sounds geblieben, die bereits seinen verschlungenen Improvisationen und Melodien bei Weather Report eigen waren. Sie atmen - als sei der Synthesizer ein Blasinstrument. Wobei sich Zawinuls Magie vor allem in den stoßartigen Phrasierungen zeigt, zwischen denen er immer wieder Luft zu holen scheint. Am Ende müssen die Musiker das Konzert überstürzt abbrechen, um eine Fähre nach Skandinavien zu erreichen. Die Zeit hat nicht ausgereicht.

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