Der wahre Protagonist des Abends ist Sir Simon Rattle.

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Rattle eröffnet Osterfestspiele mit Puccini : Das Mädchen und der Mammon
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Viel Zeit hat der Regisseur auf das pittoreske Arrangement der Chöre im Eröffnungsbild verwendet, die beiden Schlüsselfiguren der Handlung dagegen, Manons Bruder wie ihren Ehemann, dagegen lässt er ziemlich alleine. Handelt Lescaut hinterhältig oder barmherzig, wenn er den Studenten und das Mädchen erneut zusammenbringt? Der szenisch wenig bewegliche Lester Lynch vermag die Frage nicht zu erhellen. Umso bemitleidenswerter erscheint Liang Li als Geronte, ein Gentleman mit noblem, makellosen Bass und ebensolchen Manieren. In einer winzigen Nebenrolle als Madrigalsängerin ist Rattles Frau Magdalena Kozena zu erleben, mit kolossalem Schwangerschaftsbauch, aber vokal unbeeinträchtigt.

Der wahre Protagonist des Abends aber ist Sir Simon. Er gibt nämlich sein Debüt als Puccini-Dirigent. Mag der Brite auch einen weiteren Interessenhorizont haben als die meisten seiner Kollegen, Puccinis süffiger Sound war bisher nicht sein cup of tea. Und auch die Philharmoniker haben eine Oper des Italieners zuletzt 1982 unter Herbert von Karajan gespielt. Umso mehr spricht die Wahl von „Manon Lescaut“ für die ungebrochene Abenteuerlust, die Dirigent und Orchester verbindet.

Dort, wo Puccinis Partitur am schwersten ist, sind Rattle und seine Truppe am besten: im wuseligen Amiens-Bild, oder auch am Ende des 2. Aktes, wenn Lescaut hereinstürmt, um der Schwester zu berichten, dass die Polizei anrückt. Da schießen die Motive nur so durcheinander, atemlos, in höchster Aufregung. Virtuos ist das gemacht, sinfonisch gedacht, nach Art der Tondichtungen von Richard Strauss. Wie einen geschliffenen Diamanten lassen die Philharmoniker diese Passagen funkeln, in tausend Klangfarben, technisch brillant.

Das süßliche Parfüm des Melodrams bleibt Rattle fremd

Wo es allerdings gefühliger wird, wo Puccini emotionale Aufwallungen auskomponiert, wird der Ton bei Rattle oft zu fest. Da fehlt dem Parfüm die süßlich-sinnliche Kopfnote, das Verführerische. Erfahrene Puccini-Maestri können da den heißen Herzschlag des dramatischen Furors erlebbar machen, das Subkutane, das Pochen unter der Oberfläche.

Eva-Maria Westbroek (Manon Lescaut) gibt mal den Backfisch, mal das zickige It-Girl.
Eva-Maria Westbroek (Manon Lescaut) gibt mal den Backfisch, mal das zickige It-Girl.Foto: dpa

Noch spricht Simon Rattle dieses Theateritalienisch mit starkem Akzent: Grammatikalisch, also dem Notentext nach, ist alles korrekt – was fehlt, ist sozusagen die Gestik, mit der Südländer ihre Worte nonverbal unterstreichen. Wie immer aber, wenn der britische Dirigent sich auf unbekanntes Terrain wagt, ist es für den Hörer eine pure Freude, bei diesem Experiment dabei zu sein. Weil in jedem Takt Rattles ehrliches Interesse spürbar wird, seine Offenheit, die Lust, vorurteilsfrei Neues zu entdecken.

Arte überträgt „Manon Lescaut“ am 16. März ab 20.15 Uhr.

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