Rattle zu Gast in der Staatsoper : Warum nicht ein bisschen Oper

Die Berliner Philharmoniker beenden ihre Asientournee in der Staatsoper Unter den Linden.

Zu Gast Unter den Linden: Simon Rattle und die Berliner Philharmoniker.
Zu Gast Unter den Linden: Simon Rattle und die Berliner Philharmoniker.Foto: Monika Rittershaus

Einmal im Jahr laden die Berliner Hoteliers die Bewohner der Stadt dazu ein, zu günstigen Konditionen bei ihnen zu Gast zu sein, zu Hause und doch nicht daheim. So müssen sich auch die Berliner Philharmoniker gefühlt haben, als sie frisch von ihrer Asientournee zurückgekehrt nicht zum Konzert in die Philharmonie eilten, sondern in die Staatsoper. Dort sollten die Musikerinnen und Musiker unter Leitung von Simon Rattle den funkelnden Schlussstein setzen in einer ganzen Reihe von Spitzenorchestern, die Daniel Barenboim eingeladen hatte, um den neuen Saal mit der unter gewaltigem Aufwand um 0,7 Sekunden verlängerten Nachhalldauer zu erproben.

Doch die anhaltenden Bauarbeiten machten dem kleinen Orchesterfest Unter den Linden den Garaus. Nach der Staatskapelle kamen noch die Wiener Philharmoniker zum Zug, danach wurde wieder zugesperrt. Das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, die Sächsische Staatskapelle Dresden und das West-Eastern Divan Orchestra sollten ihren Beitrag dazu leisten, den neu erstandenen alten Saal mit Klängen jenseits von Kreissägen und Motorhämmern aufzuladen. Doch sie hätten vor verschlossenen Tür gestanden, und auch das Gastspiel der Berliner Philharmoniker findet bei quasi geschlossenem Haus statt: Die Staatsoper startet erst am kommenden Donnerstag den Regelbetrieb, am 275. Jahrestag ihrer Ersteröffnung.

Knäuel, Geschiebe, Chaos - in der Staatsoper läuft es noch nicht rund

Dass hier noch nichts wieder eingespielt ist, merkt man am Knäuel im provisorischen Ticket-Container nebenan, aber vor allem an den Garderoben, wo sich vor dem Konzert Geschiebe, danach aber Chaos ausbreitet wie bei einem aus dem Ruder gelaufenen Pfänderspiel. Den Mantel nach alter italienischer Sitte einfach in den Saal zu nehmen, ist auch keine Lösung, dort ist es wie im ganzen Haus viel zu warm. Abgesehen davon ist die Mitnahme auch nicht mehr erlaubt. So erreicht man erhitzt den nach frischem Sägemehl duftenden Saal – und hat damit im Grunde genommen genau die richtige Betriebstemperatur für Strawinskys „Petruschka“ erreicht.

Budenzauber und Gauklertum, Taumel und Trunkenheit, Liebe und Niedertracht – all das amalgiert Strawinsky zu einer Partitur, die wie für Simon Rattle und sein Orchester gemacht scheint. Der treibende Rhythmus, der kristalline Furor, die Tränen im Knopfloch, das hat auch nach den Konzerten in China, Südkorea und Japan nichts von seiner beinahe schon stumm machenden Perfektion eingebüßt. Und siehe da, der Klang des Saals erscheint weitaus weniger problematisch als bei den ersten Akustiktests von Staatskapelle und Wiener Philharmonikern. Das mag auch daran liegen, dass die quasi noch im Tournee-Modus spielenden Berliner sich besonders schnell an unbekannte Raumverhältnisse anpassen können. Und auch an einer sehr ausgebufften Art des orchestralen Powerplays.

Die Philharmoniker erobert den Saal im Tournee-Modus

Dass er bei ausgefahrener Dynamik urplötzlich an Brillanz verlieren kann, beweist der Saal dann bei Rachmaninows weniger licht instrumentierter Symphonie N. 3. Einnehmend zunächst noch, welche Präsenz die Bässe erlangen, die bis in die Sitzfläche hinein vibrieren. Auch Einzelstimmen tragen, doch in den Ballungen wird der Klang undurchsichtig. Das macht es besonders schwer, jenem Taumel zu folgen, aus dem sich zwischen Glaubensnot, Heimatlosigkeit und Todesangst zuletzt doch eine Art Triumph anbahnt. Rattle ist ein Experte für bitter-süße Finale, doch in der akustischen Behausung der Staatsoper bekommt seine Interpretation ein den Glanz erzwingendes Moment. Was den Jubel für das Orchester nicht schmälert.

Weil sich die Philharmoniker ja noch auf Tour befinden, spielen sie auch eine Zugabe. Simon Rattle kündigt sie mit „Warum nicht ein bisschen Oper“ an. Eine Frage ist das nicht. Dann rauscht das Orchester unwiderstehlich auf im Intermezzo aus Puccinis „Manon Lescaut“. Und für wenige Atemzüge wird wahr, dass Leidenschaft alle Grenzen überwindet, selbst akustische.

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