Kultur : Ratzfatz – und futsch

Barbara Frey inszeniert im Deutschen Theater Berlin einen kurzlebigen „Kirschgarten“

Peter von Becker

Lopachin ist als Kaufmann zu einem Haufen Geld, ziemlich bunten Krawatten und modischen Hosenträgern gekommen. Sein Vater noch war auf diesem russischen Landgut ein Leibeigener – der Gedanke schmerzt ihn und macht ihn zugleich stolz. Lopachin, wie ihn Ulrich Matthes mit angegrautem Zopf und leicht schrathaft, leicht rasputinisch verdüsterndem Bart im Deutschen Theater Berlin jetzt spielt, setzt entschieden auf die neue, neureiche Zeit eines freien Unternehmertums und spürt doch wie einen melancholischen Schatten die noch nicht versiegte, nie besiegte Vergangenheit. Er flucht auf das Leben und den alten „Bauern“ in sich, ist nur ein gekrümmter Glückswurm, meist beide Hände in seinen Hosentaschen vergraben, als fröre es ihn an den Fingern.

Dann, endlich, hat er das verschuldete Landgut mit dem Kirschgarten ersteigert. Seine nächtliche, spät eingetroffene Botschaft versetzt die von Tänzen, Küssen, Wodka längst erschöpfte Madame Ranewskaja, die trotz aller Warnungen verschwenderisch ignorante bisherige Gutseigentümerin, in kurzen Katzenjammer. Und Lopachin in eine morgendämmernde Katerstimmung. Weniger gierig als bloß übernächtigt schmiegt Matthes sich an den nackten Rücken von Dagmar Manzel, die als Ranewskaja mit ausgewischtem Gesicht gegen das dunkle Bühnenportal lehnt. So ist sie an jenem Abend für jedermann eine leichte, fast schon wertlose Beute. Doch dieser Moment in Barbara Freys Berliner Inszenierung von Anton Tschechows „Kirschgarten“ ist nur das matte Nachspiel. Davor war Lopachins großer Auftritt.

Wenn er sich der abgefeierten Festgesellschaft im Haus der Ranewskaja als neuer Gutsbesitzer offenbart, wird der Wurm eine irrlichternde Szene lang auch zum Drachen. Plötzlich entfahren Lopachins Hände den Hosentaschen, er breitet die Arme wie Schwingen aus, scheint tanzen oder gar fliegen zu wollen, und Ulrich Matthes spielt den Triumph: als Mischung aus Entzücken und Entsetzen. Sein Handel war kein Schwindel. Aber ihm schwindelt schon. Und Dagmar Manzel, deren resoluter Charme zuvor weder Tschechows Melancholien noch anderen filigranen Seelenreizen viel Chancen bot, ist hier mit ihrem entgeisterten Blick ganz geistesgegenwärtig.

Eine Szene, einen Akt später, als es die Ranewskaja und ihre Entourage aus dem aufgelassenen Gut und der russischen Provinz ohnehin wieder zurück in den wärmeren Westen, ins unterhaltsamere Paris zieht, da treibt sie Lopachin nochmals mit seinen weitschwingenden, wehenden Armen an. „Raus mit euch, Herrschaften!“, dazu pustet er in die Luft – als wolle er nicht nur einer im Aufbruch und Abschied erstarrten Gesellschaft zum letzten Mal den Marsch blasen. Sondern der ganzen Aufführung einen zweiten Atem einhauchen, zufächeln. Den hätte sie auch dringend gebraucht.

Von Anfang an. Barbara Freys Bühnenbildnerin Verena Meyer hat ins Deutsche Theater einen Halbrundhorizont aus hellem Tuch gebaut, auf den nächtliche Sternenhimmel projiziert werden. Auch ein wogender Fluss (in dem einst Ranewskajas Sohn ertrank, was sie vom familiären Gut in die Ferne nach Frankreich, in die Arme mancher Liebhaber trieb). Oder taggraue Felder. Nur kein Kirschgarten. Über der diagonal durch eine angedeutete Fensterwand gegliederten Szene schwebt eine Art graues Hufeisen (oder ein „U“ wie Unglück?), und vom Bühnenhimmel fahren an dünnen Seilen wechselweise ein paar Stühle, Tische, ein Schrank oder eine Gartenbank als Requisiten herab. Das wirkt stimmungsvoll, und die Besetzung ist, der Papierform nach, großartig. Alles läuft wie am Schnürchen. Aber neben den Möbeln an Strippen sind hier auch die Menschen nur: fadenscheinig. Marionettenhaft.

Diese Aufführung hat Hand und Fuß, viele zappelnde Glieder. Doch selten Kopf und Herz. Sie hat Töne. Nur keine Zwischentöne. Sie macht Lärm, auch mit Musik. Aber sie hat keine Melodie. Kein inneres Zentrum. Kein die Bewegungen bewegendes Motiv. Zudem sind die meisten Figuren kaum zu unterscheiden. Die daheimgebliebenen Männer haben nur klatschsträhnige längere Haare als die aus Paris kommenden neuen Russen. Aber fade Karikaturen sind sie allemal, ob derber Schwengel oder dünner Stengel. Eng und stereotyp geführt auch die beiden unverheirateten Töchter der Ranewskaja: die freundlich Patente (Meike Droste), die spitzig Verhemmte (Inka Friedrich, die doch in der Filmkomödie „Sommer vorm Balkon“ so toll ist).

Ob Figuren einander bei Liebes- und Lippenbekenntnissen meterweit fernbleiben oder gleich zwischen die Beine greifen, ob sie kichern, rülpsen, kopfruckeln wie Hennen und Hähne oder schreien, dass sie „schreien möchten“ (was hier selbst eine Großschauspielerin wie Dagmar Manzel tut): Man spürt immer die Absicht. Das Hergestellte. Auch bei den sonst so fabelhaften Herren Dieter Mann und Horst Lebinsky. Mann hat als vertrottelt verträumter Gajew, der daheimgebliebene Bruder der Ranewskaja, nichts von einem verspäteten Romantiker, der Ansprachen an seinen geliebten alten Schrank hält. Dieter Mann sagt die Rolle nur steif und trocken auf. Und Lebinskys Hausdiener Firs, über dessen Vergreisung die Ranewskaja staunt, ist nichts als ein elastisch alertes Dementi des Fossils. Weder komisch noch rührend. Nur so sinnwidrig wie an anderer Stelle die Erwähnung sommerlich herüberwehender Nachtmusiken (von den „jüdischen Orchestern“) oder eines fernen fremden Klangs, als sei in einem Bergwerk ein Seil gerissen. Diese Töne fehlen indes; auch hört man am Ende kein Holzschlagen draußen im Kirschgarten, obwohl sich darauf eine Textstelle bezieht. So hat das hundertjährige Stück hier auch keinen tieferen Echoraum.

Alles ist eher praktisch, derb, direkt, in den atemlosen zwei Stunden, außer zwischen Matthes und Manzel, nie ein Sinn für das Ungesagte, für Tschechows Pausen. Oder gar: die Stille im Sturm. Das liegt auch an der spracharmen, pseudomodernen Übersetzung von Werner Buhss, in der selbst bei Landhäusern am Mittelmeer von „Datschen“ die Rede ist, wo man Landstreicher stadtneudeutsch „Penner“ nennt, wo jemand nur „Bahnhof versteht“ und ein anderer alles „ratzfatz“ löst.

So löst sich auch der „Kirschgarten“ auf, verdünnt, Tschechow nesquick. Man muss das viel gespielte Stück gewiss nicht immerzu als Sinnbild für die Reformunfähigkeit einer Gesellschaft oder den Kahlschlag des Fortschritts beschwören. Aber irgendwohin bewegen müsste man es schon.

Barbara Frey hat in ihrem gespenstisch komischen Münchner „Onkel Wanja“, der 2004 auch ein Höhepunkt des Berliner Theatertreffens war, gezeigt, wie das geht. Mit Tschechow heute. Und im Deutschen Theater hatte sie in der „Minna von Barnhelm“ statt der nachkriegshellen Weiberkomödie ums männliche „Soldatenglück“ die grauschwarzen Abgründe eines zwischenkriegerischen Söldnerstücks entdeckt. Eine aktuelle Lesart von innen her – ohne besserwisserischen, dekonstruktiven Kommentar von außen. Das ist die Stärke der Schweizer Regisseurin. Aber diesmal ging irgendwas zu schnell. Mit den Bäumen des Kirschgartens fällt hier keine Welt. Nur ein Wäldchen.

Wieder am 28. März sowie 2. und 3. April, jeweils 19.30 Uhr

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