Kultur : Raub der Berlinerinnen

Tornado-Performance: Die argentinische Theatergruppe De La Guarda macht das Berliner Publikum nass

Sandra Luzina

Keiner kreischt oder fällt in Ohnmacht. Der Berliner und inbesondere die Berlinerin ist ganz schön taff, das zeigte sich bei der Premiere von „De la Guarda - the show that falls from the sky". Bei der Vorstellung, gleich Sex mit einem Außerirdischen zu haben, zuckte keine der Party-Chicks mit den getuschten Wimpern. „As good as sex“ – mit diesem Slogan wird für das Spektakel geworben, das unsere Vorstellungen von Theater auf den Kopf stellen soll. Vorab war zu hören, dass Zuschauer blitzschnell gepackt und von Raubvogel-Artisten in die Höhe katapultiert werden. Die geraubten Damen hatten aber offensichtlich keine Angst vorm Fliegen – cool ließen sie sich von dem Kerl mit dem nackten Hintern durch die Lüfte schaukeln.

Kein poetischer Schwebetraum wird hier dargeboten, sondern eine Tornado-Performance. Die muskulösen Darsteller verwandeln sich in menschliche Fluggeschosse: gnadenlos fliegt die Staffel ihre Attacken. Schutzengel stellt man sich anders vor.

Nach Gastspielen in New York, London und Amsterdam ist die Crew in Berlin gelandet, im Industrieareal in der Nähe des S-Bahnhofs Wilhelmruh. Die von den Argentiniern Pichon Baldinu und Diqui James konzipierte Extrem-Show zielt ab auf ein junges hippes Publikum, das nach neuen Thrills und verträglichen Drogen verlangt. Und so kann man die technisch aufgerüstete Himmelsstürmerei als ein frenetisches Warming Up für die anschließende Party betrachten.

Die „Adrenalin-Show“ will den Alltags-Stress mit höherdosiertem Stress bekämpfen. Konsequent wird das Sensorium unter Beschuss genommen. Natürlich will De la Guarda die Fackel der Avantgarde weitertragen: da werden Vergleiche mit der katalanischen Truppe „La Fura dels Baus“ bemüht, und auch der Ahnherr des Theaters der Grausamkeit Antonin Artaud spukt durch die benebelten Köpfe. Ein modernes Ritual, die Wiederbelebung des Mythos – davon findet sich aber keine Spur. De la Guarda bietet eine Kreuzung aus Flying Circus, Extremsport und Rave.

Zunächst recken alle die Köpfe, um Signale aus einem Parallelluniversum zu empfangen. Groteskes Schattentheater, psychedelische Farbbäder und Lichtergalaxien – über dem Zeltdach scheint Leben zu wuchern. Dann wird die Papierdecke durchstoßen, aus 13 Metern Höhe sausen die Himmelsgeschöpfe auf die Zuschauer herab. An Seilen erklimmen zwei Amazonen eine Steilwand, Duos formieren sich sich zu rotierenden Flugkörpern. Die Luftnummern sind rasant, doch die Show kostet nicht so sehr die Leichtigkeit des In-die-Luft-Gehens aus, sondern konfrontiert mit jähen Abstürzen. Nebel, Windmaschinen und Regengüsse sollen Elementarkräfte freisetzen. Wenn die Artisten sich zu einem pendelnden Menschenknäuel verschlingen, das buchstäblich in der Luft hängt, wird deutlich, dass dieses Survival-Training vom Kitzel des Katastrophischen lebt: Apokalypse Wow! Trommeln, Stampfen, Schreien, Zucken – ausgiebig wird aus dem Arsenal des Neo-Primitivismus geschöpft. Für die Artisten ist dies ein Härtetest, den sie bravourös absolvieren wie Crashtest Dummies. Und für die Zuschauer ist dies kein Zuckerschlecken. Flügel verleiht dies Show nicht, die Imagination setzt zu keinem Höhenflug an, von der Neuerfindung des Zirzensischen ist nichts zu sehen. Und doch geht man guten Mutes aus der Hardcore-Performance, gewappnet für den täglichen Angriff der Körperfresser. Das erhoffte High konnte man sich bei der anschließenden Premierenparty besorgen: dort wurden kostenlos Sauerstoffduschen offeriert.

PankowPark, Halle 13, bis März 2003. Infos: 01805/114 113 oder www.delaguarda.com

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