Kultur : Raubvogel

Der Pianist Igor Levit spielt im Konzerthaus.

von

Einen beiläufigen dankbaren Klaps gibt Igor Levit dem Steinway-Flügel – erst dann verbeugt er sich, um sich für den Jubel über seine Interpretation von Beethovens Hammerklaviersonate zu bedanken. Der 1987 geborene Pianist verrät damit nicht nur einen erfrischenden Mangel an Eitelkeit, sondern auch seine bis ins Physische gehende Verbundenheit zum musikalischen Material, das auch das Instrument einschließt. So wahnwitzig das Programm auch sein mag, das er im Kleinen Saal des Konzerthauses präsentiert – nie erweckt er den Eindruck, dass es darum ginge, dem Publikum irgendetwas vorzuführen.

Stattdessen wird es Zeuge eines Prozesses, bei dem auch Levit selbst Beobachter zu sein scheint, etwa wenn seine Hand mit leichtem Zittern wie ein Raubvogel in bewegter Luft über den Tasten schwebt, um sich intuitiv zum richtigen Zeitpunkt in die Tiefe stürzen zu lassen. Die innere Spannung, die Levit aufbaut, ist so groß und die Logik, mit der sie sich entlädt, so zwingend, dass bei ihm alles zum Zyklus wird. In der motivischen Stringenz, mit der er Claude Debussys „Six épigraphe antiques“ erklingen lässt, scheint sich bereits der abstrahierende Geist der Hammerklaviersonate anzukündigen. Dass sich zwischen beiden Werken Reger mit seinen monumentalen Bach-Bearbeitungen op. 81 schiebt, ohne die Komponistenkollegen und die Zuhörer zuzudonnern, hat seinen Grund. Zwar leugnet Levit nicht die Lust, den Flügel mit geschicktem Pedalgebrauch und robusten Trillern in eine Kirchenorgel zu verwandeln. Doch er begnügt sich nicht damit, Bach in spätromantischer Verklärung zu feiern. Jäh lässt er die rauschhaft virtuose Lust in die manische Besessenheit eines tief Verletzten umkippen und reißt damit eine Wunde auf, die das Ursprungsthema selbst nicht mehr zu heilen vermag. Der Versuch, nach diesem Schock Bach neu zu erfinden, setzt sich bei Beethoven so überzeugend fort, dass man glaubt, in Levits Kosmos würden technische Schwierigkeiten und Chronologie schon keine Rolle mehr spielen. Carsten Niemann

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben